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Wenn die Welt eindringt


Barbara Hinzpeter

Das Feuer knistert im Ofen, das Publikum lauscht aufmerksam. Die in Tirol geborene und aufgewachsene Autorin Elisabeth R. Hager liest an ungewöhnlichem Ort – in der Brauereigaststätte „Pflug“ in Hörvelsingen. Die ist mit 130 Zuhörern gesteckt voll, was doch ein bisschen überrascht: Erst seit einer Woche ist Hagers zweiter (nach dem ersten, weitgehend unbeachteten) Roman auf dem Markt. Es ist die erste Abendveranstaltung dazu.

Lokalität und der gemütliche Rahmen lassen einen Heimat­roman erwarten, bei dem die aussterbende Handwerkskunst des Fassbindens eine Rolle spielt. Aber egal, mit welchen Vorstellungen die Zuhörer kommen, sie hören vor allem das: eine plausible Erzählung vom Erwachsenwerden in der Provinz, die nicht länger abgeschnitten ist von der Welt, selbst wenn sie es wollte. Die Welt dringt unaufhaltsam ein ins Gebirgstal am Wilden Kaiser. Hager selbst ist dort mit dem Musiksender MTV aufgewachsen. Der öffnete ihr das Fenster zu einer Realität, die nichts mit der ihren zu tun hatte. Sie spürte die Enge des Dorfs mit seinen Regeln, fühlte sich aber „auch zu Hause in der schönen Gegend.“

Nicht anders geht es ihrer Pro­tagonistin Illy. Der Roman umspannt 18 Jahre und schildert aus dieser Zeit „Fünf Tage im Mai“. Schon am ersten schiebt sich eine drohende Wolke heran: Es ist der 8. Mai 1986, kurz nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl. Doch der Tag beginnt – wie die Lesung – mit einer Erstkommunion. Elisabeth Hager liest packend, nimmt das Publikum hinein in die dichte Atmosphäre, in der man den „Klang sich faltender Hände“ vernimmt. Sie beschreibt die Messe, das Missgeschick der Heldin und die – nicht nur diesen Tag rettende – robuste Tatkraft des Urgroßvaters mit Witz und Humor. Das Publikum lacht und ahnt, dass die weiteren Jahre Unheil bringen. Doch die ebenfalls starken Passagen, in denen Sex, Drogen, Alkohol und die Thrash-­Metal-Szene Illy in den Abgrund zu reißen drohen und ihr eine folgenschwere Entscheidung abverlangen, liest Hager nicht vor. Schade. Man hätte ihr gerne noch länger zugehört – auch bei den „ungemütlicheren“ Stellen des Romans.

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