JAZZ / Die Young Friends begeistern im Langenauer Pfleghof
Fremde als Freunde
Pianist Michael Wollny und Kollegen zelebrierten deutsches Liedgut "Der Mond ist aufgegangen" aufbrausend, mit satten Bläsersätzen und starken Soli zu spielen, auf diese Idee kommen die Young Friends. Das Sextett hat mit dem "Great German Songbook" eine starke Scheibe veröffentlicht und überzeugte beim Konzert in Langenau.
UDO EBERL
Kurz vor Mitternacht waren Pianist Michael Wollny und Posaunist Johannes Lauer noch immer auf der Bühne und spielten eine Ballade, verträumt und in Gedanken versunken. Kurz vorher hatte man noch im Quintett-Format gejammt, sich an Stücke herangewagt, die man eben von Platte kennt. "Impressions", "My one and only love" - "Welche Tonart ist das? Spiel mal kurz die Bridge vor! Alles klar." Spielfreude ohne Ende statt der Zigarette danach."Kommt, eins geht noch."
Unten im Publikum saßen nur noch der Veranstalter, vier Übriggebliebene und Trompeter Sven Klammer, der den Job von Axel Schlosser übernommen hatte. Der ist immerhin der Solotrompeter der HR-Bigband, hat den Ton raus. Ein schwerer Job für Klammer, der nun da saß, die Augen zu, mit einem Lächeln im Gesicht den Kollegen lauschend. Tja, Jazz kann so schön sein, Musik so berauschend und zumindest beim Saxophonisten Florian Trübsbach, der in der einstündigen Spontanzugabe nur noch das Sopransaxophon spielte, fragte man sich. Warum nicht gleich so? Das klang bisweilen wie bei Wayne Shorter in Bestform. Freigespielte, reine Lust.
Doch zurück an den Anfang dieses Abends, der dann noch so nachhallen sollte. Mit "Du, du liegst mir am Herzen" eröffneten die Sechs das Konzert fulminant, angetrieben von Wollny, der Bassistin Eva Kruse und dem Drummer Eric Schäfer, die ja auch als Trio "em" zusammen wirken. Ein Klasse-Gespann, das ordentlich Dampf machte, doch zunächst schien es so, als wenn ein Teil der Truppe noch geistig am Langenauer Bahnhof sei. Erst langsam trafen sie der Reihe nach so wirklich auf der Bühne ein.
Fein dosierte Ballade
In "Dein ist mein ganzes Herz", einer wunderbar fein dosierten Ballade mit einem Hauch von gezupftem Piano und einem extra-smarten Bläsersatz, stimmte die Wellenlänge. Alles im Fluss. Und mit "Mensch" von Grönemeyer konnten die jungen Jazzer mal so richtig brettern, um sich dann voll auf eine gewiefte Komposition ihrer Bassistin zu konzentrieren. "Goldener Triangel" hieß das komplexe Stück, ein rasantes Teil mit ständigen Metrenwechseln, in dem die Musiker sich auch frei improvisierend austoben konnten und gegen Ende immer mehr Groove ins Spiel kam. Kruse und Schaefer rockten.
Über allem natürlich immer die leichthändige Virtuosität eines Michael Wollny am Flügel. Der 27-Jährige, der Ende des Monats wieder eine ganz famose Duo-Scheibe mit dem Saxofonisten Heinz Sauer veröffentlichen wird, hat die Musik der Großen inhaliert, ist bekennender Fan von Jarrett und Co. Wie gut, dass ihn seine Klavierlehrerin im Alter von fünf Jahren neben all den Etüden bereits improvisieren ließ. Aus den kleinen Tieren, die er einst musikalisch beschreiben sollte, sind längst Elefanten geworden. Und dieser Musiker wächst noch.
Klammers Spiel wirkte in den Soli zwar an diesem Abend ein wenig gebremst und eindimensional, aber die Bläsersätze, die gegen Ende so rasant waren, dass man fast aufspringen wollte, gestaltete er souverän mit. Der Mond ging noch auf eine besonderte Art auf und dazu schauten "Strangers in the night" vorbei, die schnell zu Freunden wurden. Noch eine heftig erklatschte zugabe im Pfleghofsaal, dann war das Konzert vorüber. Siehe Anfang.
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