Historische Fakten lebendig gemacht
18 000 Juden flohen vor den Nazis nach Shanghai. Um die Flucht und das neue Leben geht es in Ursula Krechels Roman "Shanghai fern von wo".
Vor allem nach der Reichsprogromnacht im November 1938 flohen viele Juden und Kommunisten nach Shanghai. Die internationale Stadt sei für sie noch eines der wenigen Schlupflöcher gewesen, durch die man ohne Visum schlüpfen konnte, so Ursula Krechel in ihrer Lesung im Pfleghof in Langenau. 1980 war die als Lyrikerin, Essayistin und Verfasserin von Hörspielen vielfach ausgezeichnete Autorin das erste Mal in Shanghai. Seitdem recherchierte sie über die Stadt als Fluchtort und Ghetto, legte ein umfangreiches Archiv mit Briefen, Interviews und Dokumenten von Überlebenden und deren Nachfahren an, bis sie 2005 mit der Niederschrift des Romans begann. Dem ist es nicht anzumerken, dass er im Grunde ein dokumentarischer ist.
Stets gelingt es Ursula Krechel, Fakten und atmosphärische Schilderungen zu vereinen. Gleich zu Beginn des Romans tritt etwa Franziska Tausig auf: "Sie hatten 1912 geheiratet, ein schöner Mann, ein kluger Mann mit großer Zukunft. . . Und sie, Klavier, Fremdsprachen, gebildet in feiner Haushaltsführung, für eine bessere Wienerin genügte das, so sah es 1912 aus."
Gut 20 Jahre später sind Sicherheit und Glück perdu. Ursula Krechel entwickelt in der ersten Hälfte des Romans mehrere unabhängige Erzählstränge mit Einzelschicksalen, die in der zweiten Hälfte, in Shanghai, eng beisammen geführt werden. Es sind nicht nur die Härte und das Elend des Daseins in diesem Ghetto, die den Roman so eindringlich machen; es ist auch die absurde Logik der Zeitumstände: So darf ein deutscher Jude zwar eine Tschechin heiraten, macht sich damit aber zugleich strafbar, da die Frau nach der Heirat Deutsche ist und Juden keine Deutschen heiraten dürfen.
Doch es gibt auch die kleinen Fluchten für die Exilanten. Der gelernte Jurist Rosenbaum ist in Shanghai zufrieden, dass er Schaufenster dekorieren darf: "Als Jurist hätte er niemals daran gedacht, dass eine kleine symbolische Welt in einem Schaufensterkasten ihm genügen würde." Es sind diese psychologischen und atmosphärischen Untertöne, welche die historischen Fakten eindrucksvoll lebendig werden und den Roman so lebensnah wirken lassen.
Ursula Krechel: Shanghai fern von wo. Jung und Jung; 500 S., 29.90 Euro.
Südwest Presse: Montag, 8.03.2010
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