Konzertlesung / Urs Widmer und Michael Riessler
Schaurig-schönes Fest
Urs Widmer las im Langenauer Pfleghof aus seinem "Buch der Albträume",Michael Riessler versah die Seelenlagen mit dem richtigen Ton. Schaurig schön.
CHRISTINA MAYER
Einen Tag zuvor hatte er noch in der Ulmer Buchhandlung Gondrom aus "Ein Leben als Zwerg" die Ansichten eines acht Zentimeter großen Hartgummiwichtels vorgelesen. In Langenau sprang Urs Widmer seinem Publikum sofort auf die Brust, blieb dort krötengleich hocken und las aus seinem "Buch der Albträume". Alsbald waberten Leber, Milz und Darmgeschlinge im Langenauer Pfleghofsaal über das Publikum hin. Leiber rissen auf, Viecher verschmorten, Faultiere vergingen vor Angst. Schreck lass nach! Nach wenigen Minuten roch es im Raum nach Blut schwitzenden Wänden. Urs Widmer breitete ein albtraumhaftes Schlachtfeld aus. Da blieb einem erst mal die Luft weg.
Und mitten hinein in dieses Schreckenspanoptikum schlich sich Michael Riessler mit dem harmlosesten Instrumentarium: Eine Minidrehorgel, eine Zither und ein paar Dosen mit Tierstimmen. Knarrend gab er den bedrohlichen Worten eine zusätzlich Stimme. Er zupfte mal hier und mal dort an den Saiten, ließ Metallkugeln über die Zither rollen und wisperte Märchenklänge zu den Fratzen, die Urs Widmer aus den Wasserflecken der Wände aufsteigen ließ.
Doch Michael Riessler hatte auch ein richtig großes Instrument dabei. An der Bassklarinette bewies der Musiker seine Könnerschaft. Minutenlang hielt er Dauertöne, gurrte, schnarrte und schnalzte mit der Klarinette. Zu Riesslers Tremoli flatterten Widmers Hände über den Text, zu den überblasenen Jaultönen heulten Widmers Schnorchelhühner und
Rüsselschweine.
Die beiden Künstler bereiteten dem Schrecken ein schaurig-schönes Fest. Der Schriftsteller und der in Ulm geborene Musiker agierten nicht als Konkurrenten um Ton und Wort, sondern schwammen miteinander auf der Albtraumwoge. Einer schien den anderen zu genießen. Sehr zum Genuss des Publikums, das alsbald auch die Süße aus Widmers Text heraus hörte. Der Autor sprach in kurzen Passagen Tiere an, die als Stellvertreterfiguren beispielsweise von Blütenkelchen in Abgründe rutschen und "flüssige Angst" erleiden.
Das Buch mit Illustrationen von Hannes Binder erschien schon im Jahr 2000. Ausnahmsweise waren bei diesem 50-Seiten-Kleinod zuerst die Zeichnungen fertig, dann erst schrieb Widmer die Albtraumtexte. In der Lesung ersetzte die Musik die Zeichnungen. Damit sich dieses Grauen nicht allzu sehr in der Seele festfraß, entließ Widmer sein Publikum mit der Humoreske von einem Mann, der zu laut sprach. Es wurde lauthals geflüstert, ekelhaftgeplärrt und heftig geschrieen. Von wem? Na, von beiden natürlich.
Südwest Presse: Samstag, 30.09.2006
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