PFLEGHOF / Karate am Klavier und Hardrock auf den Toms
Das Trio Töykeät gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den wichtigsten finnischen Musikexporten. Klar, denn die drei Musiker sind nicht nur ein sensationell eingespielter Dreier, ihre Musik lebt neben aller Virtuosität auch vom bizarren und herrlichen Humor.UDO EBERL
Klartext gefällig? Das finnische Trio Töykeät ist eine Trio-Sensation. Wer weiß, würden die drei Herren aus Helsinki vielleicht ein wenig cooler und zeitgeistiger aussehen, kämen sie aus New York und würden sie mit einer irren Lightshow und Trockeneis-Nebel auftrumpfen, dann wüsste das vielleicht auch bereits die ganze Jazzwelt. Doch dieses Trio setzt nicht auf optische Reize. Iiro Rantala und seine beiden Kumpane, die bereits seit 1988 an ihrem Jazz feilen, könnten auch genauso in einer Tankstelle in Tampere oder als Trainerstab der finnischen Fußball-Nationalmannschaft arbeiten. Zumindest seit Rantala in den vergangenen Monaten gewaltig abgenommen hat.
Seinen Humor hat er dabei genauso wenig verloren, wie seine wunderbare Technik, mit der er den Flügel im fast vollen Langenauer Pfleghofsaal forderte. Selbstbewusstsein sollten die Musiker jede Menge haben, auch wenn sich die Alben der "Rüden", so die freie Übersetzung des Trio-Namens, nicht wie nicht geschmiert verkaufen. Live sind sie eine Macht.
Ein Beispiel gefällig? Bei der Trio-Nacht des Aalener Jazzfestes spielten sie vor zwei Jahren Abdullah Ibrahim und Esbjörn Svensson an die Wand. Die Energie der Drei ist unschlagbar, ihre musikalische Welt ist von Offenheit geprägt. Und sie haben die Spieltechnik, um etwas daraus zu machen. Bei "Karate" wird nicht nur zerhackstückt, hier wird immer neu aufgebaut. Mit kleinen Sound-Bausteinen: Ein wenig Samba, Klassik, Tango, Pop, Bebop, Avantgarde oder Swing.
Natürlich läuft das alles unter dem Siegel Jazz, auch wenn das an Mozart angelehnte "Etude" mit Klassik-Drive gespielt wird. Die meisten Stücke des aktuellen Albums "High Standards" schafften es übrigens nicht ins Programm. Gut so, denn in diesen starken Fingerübungen war die chaotische Seele der Töykeäts zu wenig zu hören und zu spüren. In den ganz neuen Stücken bebt es und rockt es dagegen wieder mächtig. Rantala, der Gigant an den Tasten, gibt den smarten Headbanger, Rami Eskelinen spielt im Alleingang "Paranoid" von Black Sabbath an den Fellen und Becken, und der knurrende Basser Eerik Siikasaari hat auch voll den Bogen raus. Hochkultur und Trash, Pianomelancholie und Avantgarde, Punk und Hardbop, Feinsinn und schwere Kost - dieses Trio machts möglich
Eine Live-Zugabe mit dem Trio Töykeät gibt es bereits am 7. März und zwar im Ulmer Stadthaus.
Südwest Presse: Dienstag, 09.11.2004
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