LESUNG / Bestsellerautor Tim Parks in Langenau
Ein Großmaul wird kleinlaut
Tim Parks las im Langenauer Pfleghof aus seinem elften Buch "Stille". In dem Roman schwebt der Held am Rande des Abgrundes. Der Autor machte das Hören zum besonderen Genuss. Denn Parks knackte die deutschen Sätze wie Krokant auf feiner englischer Sprach-Mousse.
CHRISTINA MAYER
Gierig, geil und geltungssüchtig. So beschreibt ein unbedeutender Sohn seinen bedeutenden Vater. Öffentlich. Während Harold Cleaver, ein britischer Starjournalist und der Held in Tim Parks Neuerscheinung "Stille", in einem Interview den amerikanischen Präsidenten niedermacht, wird er von seinem eigenen Sohn demontiert.
Tim Parks lebt in Verona und lehrt in Mailand literarische Übersetzung. Seit 26 Jahren lebe er mit seiner Familie in Italien, erzählte der Autor während der Lesung. Die raue Tiroler Bergwelt kenne er genau so gut, wie die Massenmedienproblematik, die er in seinem Buch mit dem Vater-Sohn-Konflikt verwebt.
Unter dem beziehungsreichen Titel "Im Schatten des Allmächtigen" wagt der Sohn eine schonungslose Abrechnung mit seinem Vater, dem medialen Sonnengott. Diesen kränkt die Bloßstellung so sehr, dass er sich eine Art mentale Grundreinigung verordnet. Er flieht in die Bergwelt Tirols und sucht dort Stille. Wenn nur die inneren Stimmen nicht so laut wären.
Tim Parks erzählt die Familiengeschichte aus mehreren Perspektiven, die er beinahe von Satz zu Satz wechselt. Außen und Innen, Vergangenheit und Gegenwart vermengen sich zu einem subjektiven Jetzt, das Tim Parks auf 358 Seiten hautnah bis in die Tiefen der speckigen Bauchfalten seines Helden ausbreitet.
Tim Parks hatte in Langenau das Auftreten eines schelmischen Aristokraten. Er sah aus wie einer, der am Imbissstand seine Pommes am liebsten mit der Stoffserviette isst.
Während der Lesung wurde der Autor von Helmut Stockfisch und Clemens Grote flankiert. Der Lehrer übersetzte, und der Schauspieler las aus der deutschen Übersetzung. Doch auch wenn die anderen dran waren, führte Tim Parks Regie. Mit seiner Haltung und Grimassen kommentierte er sowohl die Übersetzung als auch den Vortrag, und es bereitete ihm diebisches Vergnügen, in aller Freundlichkeit auf Übersetzungsfehler hinweisen zu können.
Ein Genuss war Parks feine Artikulation und Aussprache. Die deutschen Wörter wie "Jürgen" oder Fragen wie "Ist das Dein Hund?" knirschten rau und unzugänglich im wohl formulierten Englisch. In der Übersetzung gehen solche Schmankerl leider unter.
Südwest Presse (Montag, 19.02.2007)
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