Ungewohnte Stimmen in Vollendung
Ein A-cappella-Chor der Extra-Klasse: The Bulgarian Voices Angelite begeisterten in der vollen Langenauer Kirche Mater-Dolorosa-Kirche in Langenau.
"Ein Chor der Weltklasse", flüsterte eine Besucherin. Vorschusslorbeeren hatte es viele gegeben. Mehr als berechtigt. Die 19 Frauen des Chors Angelite aus Sofia, der auf Einladung des Kulturamtes zum Auftakt seiner Tournee in Langenau gastierte, übertrafen in der katholischen Kirche Mater Dolorosa noch die Erwartungen der knapp 300 Zuhörer.
Magisch ist das häufigste Attribut für diese Sängerinnen unter der Leitung von Georgy Petkov, aus dessen Feder einige Arrangements und Kompositionen stammten. Vollkommenheit - vielleicht das beste Wort, um das zu beschreiben, was die eigenwillig timbrierten Frauenstimmen aus Bulgarien mit ihrem Oberton-Gesang anstreben.
Byzantinische, bulgarische und griechisch-orthodoxe A-cappella-Sätze von eigenartiger Schönheit aus traditionellen und zeitgenössischen Epochen bot das Ensemble in farbenfreudigen Landestrachten im Halbkreis vor dem Altarkreuz. 80 Minuten voll emotionaler Tiefe in vollendeten Interpretationen entfalteten in der idealen Kirchenakustik bei religiösen Gesängen aus dem orthodoxen Ritus wie Tschaikowskis "Gesegnet sei der Herr", eines der wenigen längeren Werke, eine geheimnisvoll meditative Wirkung. Mut zur Neuen Musik, zu Dissonanzen, vielstimmig enger Intervallführung offenbarte in klangraffinierter Polyphonie Ivan Spassovs "Heiliger Gott", ein aufwühlender Klangstrom der gequälten Seele.
Musikkritiker bezeichnen Bulgarien, das für seine Volkslieder und große Tradition des Chorgesangs berühmt ist, als das Land der ungewöhnlichen Stimmen. Nicht unbedingt im landläufigen Sinne schön: die Soprane oft mit hell-metallischem Kern, markant bis in tenorale Gefilde die Altstimmen. In lyrisch-melancholischen oder kecken Liebesliedern bestachen glasklare Intonationsreinheit, Ensembledisziplin und glänzende solistische Auftritte. Mit viel Herzblut berührten unbekannte und vertraute Weihnachtweisen wie "Stille Nacht" und "Ihr Kinderlein, kommet", das auf Bulgarisch "Vitleemska Zvezda" heißt.
Wenn auch die Zuhörer nur "Gospodin" und "Alleluja" verstanden, das Programmblatt kaum Sprachgrenzen überbrückte, war es gerade die Fremdheit, die das Publikum in den Bann dieser Chormusik zog.
Autor: CHRISTA KANAND
Südwest Presse: Samstag, 4.12.2010
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