JAZZ / Stefano Bollani und Antonello Salis im Langenauer Pfleghof
Mit viel Sinn für Ironie
Das Duo begeisterte mit ungewöhnlichen Interpretationen
Mit Virtuosität und südländischer Spielfreude bezauberten der Pianist Stefano Bollani und der Akkordeonist Antonello Salis das Publikum im Langenauer Pfleghof.
MARKUS FENKL
Es fängt mit etwas Geklimper an. Das Akkordeon steuert Wald- und Wiesengeräusche bei, doch bevor man sich ernsthaft die Frage stellt, ob die Entscheidung richtig war, den Abend im Pfleghof zu verbringen, verdichtet sich das Spiel der beiden zu kompakten Harmonien und transparenten Läufen. Man wird mitgenommen auf eine musikalische Reise quer durch alle Musikrichtungen: Tango, Klassik, Pop, Volkslied, Jazz, Filmmusik, Bossa Nova. Zusammengehalten und schlüssig kombiniert wird das alles durch vier Hände auf Tasten.
Zwei gehören dem jungen Pianisten Stefano Bollani, der heuer den Europäischen Jazz-Preis gewann. Bollani hat die Gabe, einfache Melodien so zu harmonisieren, dass wunderschöne, hochkomplexe Kunstwerke daraus
entstehen. George Harrisons "Something" erlangt eine harmonische Tiefe, die man im Original vergeblich sucht. Oder Bollani jagt irgendein banales Liedchen durch acht Tonarten vorwärts und rückwärts. Oder er probiert mal grinsend was in Moll, was jeder in Dur kennt. Auch wenn es nur das Weihnachtslied ist, das sich irgendwie an Chick Coreas "La Fiesta" drangehängt hat. Das war auch der einzige Jazz-Standard, der wie gewohnt exekutiert wurde: herrlich unisono und mit meisterlichen Soli.
Die anderen drei Hände gehören dem Akkordeonisten Antonello Salis. Keine Angst, er ist kein Monster, er hört sich nur manchmal so an, als habe er eine Hand mehr. Mit denen pariert er, was Bollani sich ständig einfallen
lässt. Salis spielt das Akkordeon sehr ungewöhnlich. Er zerpflückt die Linien in kleine Bausteine und trennt sie durch klare Pausen. So nimmt er dem Instrument jede Schwammigkeit. Bisweilen klingt er wie ein Bläsersatz.
Obendrein singt oder pfeift er fast alles mit. Da haben sich zwei gefunden: Beide absolut virtuos und einfallsreich. Beide mit einem ausgeprägten Sinn für Humor gesegnet, dieser spezifisch italienischen Lust an Ironie und Anarchie. Wenn Bollani gerade eine besonders wohlklingende Ballade aus den Tasten lockt, kniet sich Salis vors Mikrofon, reckt seine Riesennase in die Höhe und gurgelt mit Mineralwasser. Umgekehrt landet schon mal Bollanis Hintern auf den Tasten. Doch die Hanswurstiaden finden auch immer wieder ihr Ende, und man kann weiter an den Höhenflügen der beiden teilnehmen. Es gab drei dicke Zugaben, aber von diesen beiden kann
man gar nicht genug kriegen.
(Südwest Presse: Dienstag, 23.10.2007)
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