Wenn aus Bártok mal eben ein Blues wird
Konzerte von Richie Beirach und Gregor Hübner bieten stets Improvisationen vom Feinsten. Im Langenauer Pfleghof machten sie jetzt eine Stippvisite.
Verkehrte Welt: Gregor Hübner ist gebürtiger Stuttgarter, lebt aber in New York. Richie Beirach ist gebürtiger New Yorker, hat aber seit einigen Jahren eine Professur für Jazz-Piano an der Musikhochschule in Leipzig. Kennen gelernt haben sich die beiden vor 15 Jahren in New York, wo sich Hübner eigentlich als Pianist den letzten Schliff von Beirach holen wollte.
Eigentlich - nur hatte der Jazzstudent irgendwann mal seine Geige dabei. "Pack die mal aus, spiel mal was", forderte der Doyen des Jazzpianos. Hübner packte sie aus, und ein Duo war geboren, dass als Trio mit dem Bassisten George Mraz für die CD "Round about Federico Mompou" mal eben den Latin-Grammy einheimste.
Das Publikum im Langenauer Pfleghof konnte sich also auf Jazz auf höchstem Niveau freuen - allerdings länger als erwartet. Denn erst mal war Warten angesagt. Der Grund: Gregor Hübner war im Hotel schlicht eingeschlafen, musste beim Konzert erst auf Touren kommen. Oder lag es nur daran, dass Beirach so großes Gefallen am Grotrian-Steinweg-Flügel des Pfleghofes fand? "Ich bin ja eigentlich ein Steinway-Mann, aber dieses Instrument hier liebe ich wirklich", gestand er. Und Beirach pflegte diese Liebe im Pfleghof, sprühte vor Einfällen, glänzte mit spieltechnischen Kabinettstückchen, zupfte die Saiten mit den Fingern und säbelte sich an diesem Abend weit mehr aus dem Duo-Kuchen heraus als sonst.
Und Gregor Hübner? Der wischte sich schon sehr bald den Schlaf aus den Augen, hielt prächtig mit, steckte auch eine gerissene E-Saite ausgerechnet in Richard Rogers balladeskem "My foolish Heart" locker weg - und freute sich nicht nur an diesem Wirbelwind der Einfälle, den Beirach aus den Tasten zauberte, sondern setzte geschmacksicher und stilvoll noch einiges drauf.
Und das ist es auch, was den Zauber dieses Duos ausmacht. Bei aller Virtuosität und Finesse: Die Komposition steht immer im Mittelpunkt - auch wenn Beirach eine Bártok-Bagatelle kurzerhand zum Blues umfunktioniert und in "You dont know what love is" munter in Gershwins "Rhapsody in Blue" auf Raubzug geht. Überhaupt: Nichts scheint diesem Duo heilig. Aber die beiden missbrauchen das Material nicht, sie gebrauchen es, um Neues zu schaffen - einfach tolle Musik.
Südwest Presse: Samstag, 22.05.2010
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