FOLKROCK / Penelope Houston im Pfleghof
Verzerrt, rotzig und endlich befreit
Ihre Band war sofort auf Touren, aber es dauerte eine Weile, bis Penelope Houston bei ihrem Auftritt im Langenauer Pfleghof so richtig warm geworden war. Dann allerdings gab es ausdrucksstarke Country-Balladen und frech-fetzigen Folkrock vom Feinsten.
ARIANE MÜLLER
Mäßig gefüllt war der Pfleghofsaal in Langenau zum Konzert von Penelope Houston. Den Abend eröffneten allerdings die Moore Brothers, zwei sympathische Exzentriker aus dem kalifornischen Oakland, mit der gefühlvollen Ballade "Time for Love" aus ihrem gleichnamigen neuen Album.
Die Zwillinge brauchen als Begleitung zu ihren meist zweistimmigen Neo-Folk-Gesängen nur eine Westerngitarre. Die spielen Thom und Greg Moore abwechselnd, das Ergebnis liegt irgendwo zwischen den Bee Gees und Simon& Garfunkel. Sie singen in zarten, wohlklingenden Terzen über Motörhead, Blutbäder oder die Liebe. In ungewöhnlichen Harmonien wird in der bitterbösen Satire "She Opened my Eyes" die alptraumhafte Liebe zu einer George-Bush-Anhängerin besungen. Lacher können die beiden mit einer Ulm-Hymne ernten, doch leider bleibt der schwarze Humor im West-Coast-Slang von vielen unverstanden.
Penelope Houston und ihre Band rocken im Sixties-Beat gleich richtig los. Die eingeölte Combo mit Drums, Bass, Gitarre und Penelopes altem Kumpel Pat Johnson an E-Gitarre, Westerngitarre oder Mandoline funktioniert von Anfang an. Penelope Houston dagegen erscheint lustlos, klammert sich fast verzweifelt an ihre Autoharp. Erst langsam taut sie auf, nur in Country-Balladen klingt ihre Stimme in den tieferen Lagen richtig ausdrucksstark.
Songs aus dem neuen Album "Pale Green Girl" und Hits aus ihrer langen Karriere werden zelebriert. Bei "Privilege & Gold" greift sie zur grün-weißen Kindermelodica, Pat Johnson zur Akustik-Gitarre, um sehr theatralisch das Dilemma der Gastarbeiter zu besingen.
Die Moore Brothers und die beiden Gitarristen unterstützen mit Backgroundgesang Lieder wie "Sweetheard", was ein sehr volles Klangbild im Refrain schafft. Mit älteren Liedern wie "Qualities of Mercy" wird lockerer California-Sound gespielt. Nach einer Runde Tequila, sowohl als Getränk wie als Einspieler von Pat Johnson, begeistert mit der Ballade "Aviatrix" der heimliche Hit des neuen Albums.
Hasstirade gegen Bush
So langsam hat sich die Frontfrau warm gegrooved, was in einer Hasstirade gegen George Bush mündet: "Scum". "Du bist der Abschaum der Erde, ich hasse dich!" Wie befreit legt Penelope Houston jetzt richtig los, zieht ihr Country-Hemd aus, und das Punk-Rock-Gör bricht aus ihr heraus.
Mit "Pale Green Girl" wird der Titelsong des neuen Albums mit verzerrter Autoharp und krassen Rückkopplungseffekten gespielt. Zornig, dreckig, punkig wird es bei "Soul Redeemer", und endlich hat die Band mehr Freiraum für Soli, speziell von Johnson, der viele der Songs mitkomponiert hat. Fazit: Nach gewissen Anlaufschwierigkeiten gab es erstklassig rotzigen Folkrock - mit einigen Zugaben.
Südwest Presse (Artikel vom 18.10.2004)
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