Traurig und schön: Schwedischer Tango
Nordlichter punkten mit Schärfe statt Schmelz
Das schwedische "New Tango Orquesta" hat eine eigenständige Variante des Tango entwickelt und damit auch im Langenauer Pfleghof überzeugt.
ALBERT HEFELE
Bereits nach ungefähr einer Stunde kündigte Bandoneonspieler Per Störby das Schlussstück des Abends an. Die Fans im gut zur Hälfte gefüllten Langenauer Pfleghof schmunzelten: ein Witz. Der Auftritt konnte unmöglich schon zu Ende sein. Es war aber kein Witz. Die schwedische Gruppe "New Tango Orquesta" wollte nach einer knappen Stunde Feierabend machen. Doch das ließen die Langenauer nicht zu und erklatschten sich eine Zugabe nach der anderen. Schlußendlich waren es dann doch eineinhalb Stunden geworden und alles hatte seine Ordnung.
Musikalisch hatte ohnehin schon vorher alles seine Ordnung. Vorausgesetzt man mag Tango. Eine Musik, die nicht jedermanns Sache ist. Vor allem Menschen mit einer sich ankündigenden Depression sollten diese Musik
meiden. Denn obwohl dem Tango der - durchaus fragwürdige - Ruf voraus eilt, er sei erotisch, ist er in erster Linie melancholisch. Und das in hohen Dosen: abgrundtief und absolut hoffnungslos.
Ein Rätsel ist, warum ausgerechnet Nordeuropäer den Tango so lieben. Zum Beispiel die Finnen. Oder die Schweden, das "New Tango Orquesta". Sechs noch junge und durchaus lebensfroh und überhaupt nicht depressiv wirkende Menschen. Trotzdem haben sie sich seit gut zehn Jahren dieser Musik verschrieben und eine völlig eigenständige Variante des Tango entwickelt und beachtliche Erfolge damit erzielt. Tourneen durch ganz Europa, Filmmusiken ("Mute") und eine Nominierung für den schwedischen Grammy für ihre CD "Bestiario", mit deren Material sie sich im Pfleghof vorgestellt haben.
Der schwedische Tango ist immer noch und deutlich hörbar Tango. Was fehlt ist der ganz große Schmelz und die manchmal tragische Weinerlichkeit der südamerikanischen Urform. Die schwedische Variante ist schärfer, härter, metallischer. Das liegt einerseits am bedrohlich rollenden Flügel von Thomas Gustavsson, andererseits an den beiden Damen des Sextetts. Lived Nord an der Violine und Johanna Dahl am Cello treiben die Band mit
messerscharfen Streicher-Attacken durch die Kadenzen. Und wenn Per Störby sein Bandoneon klagen lässt, ist das einfach traurig und schön zugleich. Richtig depressiv sollte man allerdings nicht sein. Siehe oben.
(Südwest Presse: Montag, 07.04.2008)
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