LESUNG / Muriel Baumeister liest Miriam Toews aktuellen Roman im Pfleghofsaal
Rockmusik als direkter Weg zur Hölle
Miriam Toews wuchs in der kanadischen Provinz auf - umgeben von christlichen Fanatikern. In ihrem Roman "Ein komplizierter Akt der Liebe" erzählt sie die Geschichte der 16-jährigen Nomi. Jetzt stellte sie das Buch zusammen mit Muriel Baumeister vor.
SIMON RILLING
"Wir sind Mennoniten", schreibt Miriam Toews in ihrem Roman "Ein komplizierter Akt der Liebe", den sie zusammen mit der Schauspielerin Muriel Baumeister im Langenauer Pfleghofsaal vorstellte, "die peinlichste religiöse Untergruppierung von Menschen, zu der man als Teenager gehören kann."
Toews weiß, wovon sie spricht, denn genau wie ihre Romanfigur Nomi - eine scharfzüngige Sechzehnjährige - wuchs sie in einer Mennoniten-Gemeinde auf, in der allein der Besitz einer Janis-Joplin-Platte den Weg in die Hölle bedeutet. Die Mennoniten, die sich nach ihrem Gründer Menno Simons benannten, sind eine Konfession, in der "alles verboten ist": Tanzen, Rockmusik, Sex aus Spaß oder nach neun ins Bett gehen. "Das ist Menno pur. Schönen Dank, Menno", liest Muriel Baumeister vor. Die Zuschauer im voll besetzten Pfleghofsaal lachen. Drei Kapitel lesen sie und Miriam Toews abwechselnd vor. Die schwangere Muriel Baumeister mit der schnoddrigen Stimme einer Sechzehnjährigen, die gegen ihre triste Umwelt rebelliert, Toews mit einem Akzent, der nach einer Kreuzung zwischen einem Oxford-Professor und einem Farmer aus dem Mittleren Westen Amerikas klingt.
Sie habe lange vorgehabt, das Buch zu schreiben, habe dies aber zu Lebzeiten ihres Vaters nicht tun können, erzählt die Kanadierin. Und wie reagierten ihre Verwandten darauf? Viele hätten sie unterstützt, andere die Faust in der Tasche geballt. "Für mich hatte das Schreiben einen therapeutischen Effekt", fügt sie hinzu. So habe sie ihr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Jugend verarbeitet. Wenn deren Ergebnis solche Romane sind, kann man nur sagen: "Danke Menno."
· Miriam Toews: Ein komplizierter Akt der Liebe. Aus dem Englischen von Christiane Buchner, Berlin Verlag, 299 Seiten, 18 Euro.
Südwest Presse: Samstag 29.10.2005
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