KABARETT / Die neue Lach- und Schießgesellschaft im Langenauer Pfleghof
Artikel vom 10.02.2006, SÜDWEST PRESSE - Ausgabe Ulm
Der Witz kommt durch die Hintertür
Die alte Lach- und Schießgesellschaft ist tot. Im Langenauer Pfleghof spielte eine junge, aberwitzige Truppe völlig absurdes Theater. Und es war zum Brüllen komisch.
EDWIN RUSCHITZKA
Man stelle sich Folgendes vor: Von einem Gemälde, etwa von Edvard Munchs "Der Schrei", ginge eine magische Kraft aus. Jeder der es betrachtet, wäre fortan gezwungen, seine Maske fallen zu lassen und nichts anderes als die Wahrheit zu sagen. Als im Sommer 2004 besagtes Bild im norwegischen Oslo tatsächlich verschwand, ist Ecco Meineke aus dem Quartett der neuen Lach- und Schießgesellschaft wohl die zündende Idee zu "Abgehängt" gekommen.
Die Aufklärung des Diebstahls zieht sich wie ein roter Faden durch ein zwei Stunden langes, absurdes Kriminalstück, massig gespickt von Tagesaktualitäten und feinsinnigen Beobachtungen. Da ist zum einen der tragische Komödiant Menke (Ecco Meineke), stets auf der Suche nach sich selbst, der irgendwie in den Diebstahl verwickelt wird. Er trifft natürlich auf den Dieb, einen völlig durchgeknallten Typen names Spitzweg, überragend komisch gespielt von Thomas Wenke. Der wiederum wird von dem kleinen, hyperaktiven Inspektor Hrdlicka (Michael Morgenstern) gejagt. Und in gut einem halben Dutzend Rollen, unter anderem als Munch-Museumsführerin oder als amerikanische Politdomina Condoleezza Rice, brilliert Sonja Kling.
Egal, ob es die amerikanische Außenministerin ist, der Deutsche-Bank-Chef Ackermann, der ehemalige Daimler-Chrysler-Manager Schrempp oder selbst der Komödiant Menke, sie alle zittern vor der magischen Kraft des Munchschen Gemäldes. Die immer wiederkehrenden Phrasen, die man von Politikern und Managern kennt, sind dann entlarvt, wenn Spitzweg seinen Koffer öffnet, aus dem "Der Schrei" sein geheimnisvolles grünes Licht aussendet.
Wer vom nunmehr 46. Programm der Münchner Lach- und Schießgesellschaft das gute alte Nummernkabarett erwartet hatte, das seit den Fünfzigern Jahr für Jahr gegeben wurde, der dürfte zumindest überrascht gewesen sein. Vielleicht auch etwas enttäuscht. Das neue Quartett attackiert die Köpfe dieses Landes nicht vordergründig. Nein, der Witz kommt meist durch die Hintertür, und die Nadelstiche, die die Vier setzen, sind feinerer Natur und deshalb umso schmerzhafter. Sie zwingen das Publikum, über Sinn oder Unsinn des Vorgetragenen eine Sekunde länger nachzudenken. Was anspruchsvoll und mitunter auch recht anstrengend ist.
Vielleicht sind die Lacher unterwegs nicht ganz so spontan und zahlreich, aber am Ende des gut zweistündigen Programms darf das Quartett einen langen und ehrlichen Applaus mit nach Hause nehmen.
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