KONZERT / Das Motion-Trio aus Krakau im Langenauer Pfleghof
Jenseits aller Volkstümlichkeit
In Deutschland gilt das Akkordeon als Inbegriff der Behäbigkeit. Von der Waterkant bis zu den Alpen hört man es vorrangig in der volkstümlichen Musik. Schön, dass es Musiker wie das Motion-Trio gibt. Sie zeigten im Langenauer Pfleghof, wie innovativ man es einsetzen kann.
HELMUT PUSCH
Zugegeben, mit einem vor die Brust geschnallten Akkordeon sieht keiner sonderlich elegant aus. Die Musiker des Motion-Trios aus Krakau setzen aber gleich noch eins drauf, sie tragen schwarze Hosen mit weitem Schlag, dazu wie Matrosenkittel geschnittene schwarze Hemden. Kostümiert für das Schifferklavier.
Damit hats sich aber auch schon mit dem Bedienen von Vorurteilen, derer es in Sachen Akkordeon nun wahrlich genügend gibt - vor allem in Deutschland. Denn bei uns war das Instrument eigentlich nie salonfähig, galt immer als Klavier des armen Mannes, und selbst dem Virtuosentum hängt der Ruch des Handwerklichen oder bestenfalls Sportlichen an: Wo sonst tragen die besten ihres Faches regelrechte Weltmeisterschaften aus.
In den slawischen Ländern ist das anders, und die russische Spielart des Konzertakkordeons, das Bajan, erlaubt auch beidhändiges Melodiespiel. Zwei der drei Herren des Motion-Trios spielen solche Bajans und sie brauchen diese komplexen Instrumente auch. Denn was das Trio musikalisch bietet, ist alles andere als behäbig, das ist über weite Strecken hochvirtuos - aber weit davon entfernt, die Fingerfertigkeit als Selbstzweck zur Schau zu stellen.
Kompositorisch kennt das Trio ebenso wenig Grenzen wie spieltechnisch: Die immer wiederkehrenden kleinen Motive, die, in rasender Geschwindigkeit gespielt, gleichzeitig Harmonie- und Rhythmusfunktion übernehmen, klingen nach Minimal Music. Da wechseln sich zuckersüße Melodien mit wuchtigen Rock-Riffs ab. Und oft agieren die Herren lautmalerisch, spüren Stimmungen einer Sternennacht, eines Frühlingstages, dem Herzschlag oder dem Essen in einem Chicagoer Chinarestaurant nach, in dem Gershwin als Hintergrundsmusik läuft. Dabei wird aber nicht zitiert, so plump sind die Krakauer nicht, sie lassen ihre Musik so klingen, als könnte sie von Gershwin sein. Und: Das Trio agiert mit jeder Menge Witz, vieles lässt unwillkürlich schmunzeln.
Wie die letzte Zugabe, die sich ein begeistertes Publikum im proppenvollen Pfleghof erklatschte: Eine Collage, in der die Musiker auf drei Akkordeons die Klänge eines martialischen Computerspiels nachbilden. Game over.
Südwest Presse: Samstag 15.10.2005
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