Vom Rinnsal zum Strom
Das "Modern String Quartet" ist Altmeister der musikalischen Grenzüberschreitung. In Langenau bot es sein Programm "Mercy, Mercy, Mercy".
Mehr als 25 Jahre spielt das "Modern String Quartet" nun bereits gegen musikalische Scheuklappen an, versetzt Klassik mit gezupften Grooves, verklassifiziert Jazz und Swing, spielt munter mit Neuer Musik oder rockt ein wenig mit dem Bogen. Auch vor 70 Besuchern im Langenauer Pfleghofsaal wagten die vier Streicher den konzentrierten, stilistischen Rundumschlag und konnten beim Publikum voll punkten.
Mit Duke Ellington wurde beseelt geswingt, bevor mit dem Stück "Bremsflüssigkeit" die eher rockige Gangart gewählt wurde. Virtuos natürlich und ohne Netz. "What you hear is what you get" heißt nicht nur eines der Stücke. Qualität und Verlässlichkeit werden bei dem Quartett groß geschrieben. Innovation inzwischen weniger.
Im Mittelpunkt dieses Jubiläumsprogramms standen Eigenkompositionen vom 96er-Album "Four Composers" und von der Scheibe "Watermusic" aus dem Jahre 2003. Das Schräge, Aufgekratzte, gegen den Strich Gebürstete fehlte leider bei diesem Auftritt in Langenau. Und was vom Ersten Geiger Jörg Widmoser als Improvisation gepriesen wurde, klang dann doch eher wie die solistische Reproduktion der gewohnten tonalen Laufwege. Bei allen Verdiensten um Crossover und Co, inzwischen gibt es Streichquartette, die den Herren in Sachen Raffinesse und Virtuosität weit mehr als Konkurrenz sind.
Dennoch: Einem robusten Bassmann am Violoncello wie Jost-H. Hecker hört man nicht nur gerne zu, er ist auch mimisch ein Vergnügen zwischen Heldentenor und Tom Waits. Und großartige Arrangements bietet dieser Vierer in jedem Fall. Wie etwa Elemente von Händels "Wassermusik", vom Rinnsal bis zum Strom-Niveau wachsend oder gar als durchs Wasserrad gedrehten rhythmischen Quell der Lebensfreude dargeboten.
Mit den "Watermusic"-Stücken berührten und begeisterten die Musiker im zweiten Teil des Abends - ob mit Sechzehntel-Fluten oder harmonischen Wasserfällen. Und dank Dizzy Gillespies "A Night in Tunesia" rasten die Musiker in verschiedensten Tempi durch Nordafrika. Mit der heftig erklatschten Zugabe "Mercy, Mercy, Mercy" servierten sie zur Freude des Publikums noch einen echten Zawinul-Klassiker.
Autor: UDO EBERL
Südwest Presse: Montag, 27.09.2010
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