Mirjam Pressler erzählt Nathans Geschichte neu
Lessings Ringparabel hat es ihr angetan. Also schrieb Mirjam Pressler den klassischen Nathan-Stoff neu. In Langenau präsentierte sie Kostproben.
Der Anstoß kam aus der eigenen Familie: Weil ihre Töchter die Schullektüre von Lessings Drama "Nathan der Weise" furchtbar fanden, beschloss Mirjam Pressler, den Klassiker - etwas abgewandelt - noch einmal zu schreiben. Herausgekommen ist ein 248-Seiten-Roman für Leser ab 14, in dem man die Handlung des Lessingschen Dramas zwar wiederfindet, die Geschichte aber doch ganz anders erzählt bekommt.
Mirjam Pressler haucht den Figuren deutlich mehr Leben ein, schildert die Szenen in wunderbar altmodischen, stimmigen Sprachbildern und reichert die Geschichte, wo es ihr angebracht scheint, mit ausführlichen Beschreibungen an. Nathans Verlust seiner Frau und Söhne etwa, bei Lessing nur kurz erwähnt, hat im Roman deutlich mehr Gewicht. Das Auslöschen dieser jüdischen Familie "kann man nach dem Holocaust nicht mehr in einem Nebensatz abtun", erläutert die Autorin.
Um die historischen Fakten zur Zeit der Kreuzzüge unverfälscht wiederzugeben, hat sie ausführlich recherchiert und die verschiedenen Ich-Erzähler zu glaubhaften Zeugen der Ereignisse in Jerusalem gemacht, wo sich Muslime, Christen und Juden unversöhnlich gegenüberstehen. Erst in Nathans nach wie vor aktuellem Gleichnis von den drei Ringen - den Diskurs mit dem Sultan packt Pressler gekonnt in die Züge einer Schachpartie - scheint ein friedliches Miteinander der Religionen auf.
Mirjam Presslers Töchter jedenfalls waren mit der Neufassung des Stoffes hochzufrieden, und auch das Publikum im Pfleghof lauschte gebannt - obwohl einige Textpassagen weniger und dafür etwas mehr Plauderei aus der Schreibwerkstatt der Veranstaltung gut getan hätten.
Autor: Monika Höna
Südwest Presse: Samstag, 16.10.2010
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