JAZZ / Mächtige Klanggebirge
Vielfältige Stimmungen bringt der Jazz-Pianist Michael Wollny zum Ausdruck, der einen beeindruckenden Solo-Auftritt im Langenauer Pfleghof ablieferte.
WOLFGANG HÄBERLE
Wenn man vom jungen deutschen Jazz spricht, dann gehört seit einigen Jahren der Pianist Michael Wollny zu den wichtigsten Musikern der Szene. Der 28-jährige Wollny studierte in Würzburg, war Mitglied im BuJazzO, galt
früh schon als Wunderkind und sorgte in den letzten Jahren für Furore als Mitglied der Band "Young Friends", mit seinem eigenen Trio "Em" und im Duo mit dem Saxophonisten Heinz Sauer.
Wollny bezeichnete seine Musik als "Gothic Music", in Anlehnung an die "Gothic Novel" des 19. Jahrhunderts, den Schauerroman. Bei einer Art Klausur auf der Insel Gotland las er Edgar Allan Poe, setzte sich mit den
Filmen von Werner Herzog, Ken Russell und David Lynch auseinander, und ebenso mit der Musik von Steve Reich und Björk. Aus diesen Einflüssen entwickelte er seine Kompositionen und Improvisationen, die eine
atmosphärische Annäherung an die Stimmungen des Schauerns darstellen sollten.
Bei vielen Stücken arbeitete Wollny mit verzögernden Melodielinien, beschreibbar als Entschleunigung. Mal ließ er romantische klassische Bezüge anklingen, wie in "Enchantment", mal ging es wie in "In Heaven" nach düsterem Beginn mittels dunkler Basslinien in vorsichtig swingende Melodiebögen über. Aber auch Zeitgenössisches und Atonales band er in sein Spiel ein und frönte immer wieder den Stilmitteln des Minialismus.
Von Tontechniker Klaus Gstettner wurden hin und wieder dezent Verfremdungen eingespielt, Töne, die von einem präparierten Klavier stammten, oder auch normale, mit Hall versetzte Klaviertöne, die unterstützend und reflektierend verwendet wurden. Doch die zarten Klänge wurden immer wieder mit schroffen stürmischen Attacken konfrontiert. Sein "Hexentanz", eine mehrteilige Suite, glänzte mit harmonischen Vertracktheiten, wirkte trotz aller dunklen, bedrohlichen Basslinien versponnen und verzaubernd, gewann immer mehr an Tempo und steigerte sich dann im Verlauf zu einem mächtigen Klanggebirge und zu einem überraschenden und furiosen Ende.
(Südwest Presse: Montag, 12.11.2007)
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