Pfleghof: Mathias Tretters gute Ratschläge
Mathias Tretter strengt sich noch richtig an, lässt nicht nur die Sprechsau raus, sondern spielt Rollen: Der Kabarettist war im Pfleghof in Langenau.
OTFRIED KÄPPELER
Was ist, wenn ein Trabbi vor der Bank steht? Der Chef ist im Haus. Ein politischer Kabarettist wie Mathias Tretter lässt die Finanzkrise nicht aus und haut, aktuell und politisch unkorrekt wie er gerne ist, frei nach
Hans-Werner Sinn noch einen drauf: "Wir Manager sind die neuen Aussätzigen. Reiche sind diejenigen, die im Dritten Reich die Juden waren.Wir sind gezeichnet mit dem Stern - am Auto."
"Staatsfeind Nr. 11", das neue Programm des noch jungen, hoch gepriesenen Kabarettisten Mathias Tretter, das er jetzt im Langenauer Pfleghof vorstellte, ist subversiv, ohne ausfallend zu werden, vor allem, ohne auf
den groben Effekt zu setzen. Sein Standpunkt ist klar: nirgends. Daher kann er locker durch die Geschichte flanieren, zurück bis zum Erfurter Latrinensturz Heinrich VI., der von Pfalz zu Pfalz reiste. Bei einem Essen
in Erfurt brachen alle honorigen Gäste außer Heinrich durch die morsche Decke. Die meisten erstickten in einer Latrinengrube. Diese Form der Kabinettsumbildung habe auch Angela Merkel aufgegriffen, so Tretter,
"deshalb reist die so viel."
Ob nun "Gier die essentielle Voraussetzung für Wachstum ist", nicht die Chinesen, sondern die Post "die gelbe Gefahr ist", "Che Guevara der Bildschirmschoner für Liberale" - der Franke Tretter findet den Zeitgeist
und seine Pointen wie von selbst, leitet assoziativ von der "Drei-Wetter-Taft-Historie" im Fernsehen über zur
Vergangenheitsbewältigung und stellt fest, dass man sich über 25 Prozent NPD-Wähler im Osten nicht grämen muss: "Immerhin wählen nicht alle Arbeitslosen die NPD."
Mathias Tretter arbeitet nicht mit Gehaspel und Versprechern, wie die reinen Sprachkabarettisten. Seine Setzungen sind klar, überraschend und klug! So einer hat auch gute Ratschläge parat. "Wenn deine Familie dich ächtet, weil du in den Osten gemacht hast, dann schick ihnen Päckchen in den Westen, auf denen groß ,Lebensmittel-Hilf-Sendung steht. Das trifft, wenn der Postbote es liest." Das Publikum im Pfleghof war begeistert von diesen intellektuellen Hilfssendungen, forderte und bekam eine Zugabe und sorgte für die eine oder andere kleine Einlage via Handy.
(Südwest Presse: Freitag 31.10.2008)
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