KONZERT / Martin Müller und Viviane de Farias - Grüße vom Zuckerhut
Die schönsten Seiten des Brasil-Jazz: Gitarrist Martin Müller und sein Trio mixten im Pfleghof Langenau begeisternd Latin-Standards mit Improvisationen.
CHRISTA KANAND
Night of Bossanova? Die Ankündigung traf nur bedingt zu. Das musikalische Panorama hatte im Pfleghof mehr als nur Sambas und Bossas zu bieten. Jazz oder Weltmusik? Für Gitarrist Martin Müller, der sich zu Beginn in einem Solostück mehr als poetischer Romantiker denn als Saiten-Heißsporn vorstellte und zudem in anekdotenreicher Erzähllaune über Brasilien war, sind gängige Schubladen sowieso zu eng. Müller gilt als einer der ersten deutschen Gitarristen, die die brasilianische Musik in ihr Spiel integrierten. Und die Gitarre ist für die Musikkultur Brasiliens so emblematisch wie der Zuckerhut für Rio.
Dort, im Stadtteil Ipanema mit seinem viel besungenen berühmten Strand, stand die Wiege von Viviane de Farias. Die dunkelhaarige Schönheit war mit ansteckendem Lachen, Temperament und enormer Stimme Trumpf des annähernd dreistündigen Abends.
Grundlage der jungen Sängerin ist eine klassische Opernausbildung, die sogar zur Zusammenarbeit mit Pavarotti und Zubin Mehta führte. Wandlungsfähig zog die jetzt in Karlsruhe lebende Brasilianerin diesmal nur die jazzigen Register ihrer Stimme: mal bluesig-verführerisch gurrend, mal voll metallischer Power bis zur Höhenlage, fetzig ihre Scat-Künste.
Von Liebe, Leidenschaft, Lebenslust, von Sehnsucht, Melancholie und Weltenschmerz - der typisch brasilianischen Saudade - handeln die Songs auf Portugiesisch. Und immer klang die Alma braziliera, die brasilianische Seele mit.
Das Repertoire mit Titeln der neuen CD "Progresso" zitierte Standards der brasilianischen Jazzhistorie, verneigte sich vor Namen wie Egberto Gismonti, Antonio Carlos Jobim, Carlos Lyra ("Influencia do Jazz"), vor allem aber vor Müllers Lieblingskomponist Baden Powell. Müller & Co. führten die Standards aus der engen Welt der Noten-Partitur ins weite Feld der Improvisation. Wunderschön Powells großartige Ballade "Samba em preludio".
Neben Müller profilierten sich die Mitglieder seines Trios lustbetont, aber ohne langatmige Egotrips: Dirk Schilgen am Schlagzeug, der Portugiese Zeca de Oliveira am siebensaitigen Bass, überragend der Saxophonist und Jazz-Preisträger Peter Lehel. Lange war mit Zwischenapplaus für die Combo gegeizt worden, doch am Ende konnte die knapp 100-köpfige Mitnick- und Mitwipp-Fraktion selbst nach drei Zugaben, darunter der weltberühmte Song "Manha de Carneval", vom Brasil-Flair kaum genug bekommen.
Südwest-Presse: Dienstag 23.03.2004
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