Der Pianist Marc Copland und der Bassist Gary Peacock in Langenau
MUSIK / Dieser beseelte Jazz ist ein großer, langer Fluss
Zwei ganz Große des internationalen Jazz gaben sich mit dem Pianisten Marc Copland und dem Bassisten Gary Peacock im Langenauer Pfleghofsaal die Ehre.
UDO EBERL
So richtig schön voll war es beim Konzert des Duos Copland/Peacock im Langenauer Pfleghofsaal, und für die Zwei war dieser Abend viel mehr, als nur das Einspielen für den Auftritt im Münchner Theater im Haus der Kunst. Schon die ungezählten Mikrofone wiesen darauf hin. Das junge Münchner Nischen-Label Label Pirouet schnitt mit. Eine Platte soll folgen.
Klare Sache, dass die beiden Vollblutprofis trotz der enormen sommerlichen Hitze im Raum mit vollem Engagement zu Werke gingen. Zunächst waren die Zweifel, ob das zwei dieser unvergesslichen Jazz-Stunden werden würden, aber durchaus angebracht.
Peacock, sowieso bekannt für seinen trockenen Ton, rutschte über die Saiten seines Kontrabasses, als fehle ihm die Kraft, diese mit seinen nach fünf Jahrzehnten leicht deformierten Fingern richtig zu drücken. Das fast schwarze, bauchige Instrument klang nicht wirklich. Saitenschnarren, Nebengeräusche - was war denn da los? Marc Copland lächelte sanft dazu, tauchte in ein Meer der Harmonien ein und nahm die Zuhörer mit. Irritiert schien er nicht.
Doch die Klangbilder sollten sich rasch wandeln. Entweder hatte der Bassist, der immerhin Sideman von Miles Davis war und seit ewigen Zeiten zum Keith Jarrett-Trio gehört, den anfänglichen Sound genauso knorrig und leicht scheppernd gewünscht oder sich erst warm spielen müssen. Auch dies wird man einem Könner unterstellen dürfen.
Das erste Set wurde zur Traumreise, von den Musikern wie auch den Besuchern meist mit geschlossenen Augen gespielt und erlebt. Und in den Melodien fand Peacock zum Ton, übernahm immer wieder die Leadrolle. Den Grundierer, den dunklen Brummbären, gab er nicht, markant war das dennoch immer. Dieser Mann gestaltete am Instrument, und Copland schaffte ihm den nötigen Freiraum.
Der Pianist verzichtete auf solistische Kapriolen mit der rechten Hand. Ein Harmoniesüchtiger im besten Sinne, und mit "Rivers Run" entwickelte das Duo ein Stück, dass sich vom minimalistischen Quell ganz langsam und beeindruckend zum Notendelta ausbreitete. Ein fulminanter Abschluss des ersten Teils. Doch da war noch mehr drin. Beeindruckend die Soli der beiden Musiker. Besonders Peacock spielte wie umgewandelt, hoch melodiös, rasant und bisweilen mit Groove.
Und Marc Copland bewies, warum ihn viele Jazzer für einen der Top-Pianisten schlechthin halten. Mit dezenten tonalen Verschiebungen brachte er Stücke in die dissonante Schieflage. Die Tastatur wurde zur Bobbahn, die Besucher zu Mitfahrern. Und nach "All Blues" von Miles Davis war sowieso alles gesagt. Höchst kunstvoll holte das Duo aus diesem Klassiker wirklich alles heraus, gewann dem Stück ganz neue Seiten ab. Viele Besucher im Saal mussten lächeln. So viel Wiedererkennungswert, aber mit ganz eigener Note. Das war groß.
Der Beifall des Publikums war entsprechend laut. Die Musiker strahlten und kamen nicht umhin, noch eine Zugabe zu spielen.
Artikel vom Dienstag 04.05.2005, SÜDWEST PRESSE, Ausgabe Ulm
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