KONZERT / Kroke mischt traditionelle osteuropäische Musik mit modernen
Klängen
Als kämen sie gerade aus dem "Stetl"
Die polnische Band Kroke hielt ihr Publikum zwei Stunden in Atem. Weil sie hier vor drei Jahren schon einmal begeisterten, war der Langenauer Pfleghof proppenvoll.
MARKUS FENKL
Ein Vergleich drängt sich auf: Vor über 30 Jahren gastierte der Polnische Geiger Michal Urbaniak in Ulm. Er hatte einige erstklassig ausgebildete Musiker und einen riesigen Fundus traditioneller, osteuropäischer Musik dabei. Den allerdings hatte die Band nach allen Regeln der Kunst vertikuliert, konsequent mit zeitgenössischen Stilmitteln belüftet und die Mischung zu neuem Leben erblühen lassen.
Genau wie die Gruppe Kroke. Die mittlerweile vier Herren sind Meister ihrer Instrumente und führen ebenso wohltuend vor, dass die Tradition nicht mit der Moderne hadern muss, sondern - ganz im Gegenteil - dass sie mit ihr in glaubwürdigem Einklang stehen kann. Auf den Köpfen tragen alle schwarze Hüte als kämen sie gerade aus dem "Stetl". Die Füße aber stecken in ausgeflippten Schuhen.
Das Repertoire schöpft die volksmusikalische Bandbreite zwischen Polen und dem Balkan aus. Selbst arabische Einflüsse sind unüberhörbar, etwa wenn der Violinist einmal zur Abwechslung singt. Klezmer gibt die Band selbst als ihre musikalische Heimat an. Zigeunermusik steuert exotische Tonarten bei und der Balkan tanzbare Rhythmen.
So kommt es vor, dass der Geiger mit dem Akkordeonisten ein balladenhaftes, träumerisches Stück anstimmt. Beide durchwandern die todtraurigsten Molltonarten, und plötzlich reißt der Schlagzeuger die Stimmung auseinander, um in einen komplexen, jazzigen Groove zu verfallen, dem die Band natürlich folgt. Denn alles ist bestens arrangiert. Nie wird auf einer Stimmung oder einem Effekt herumgeritten. Ständig muss der Zuhörer auf alles gefasst sein.
Dazu kommen die vertrackten Rhythmen des Balkans mit häufigen Taktwechseln und mit vielen, für unsere Ohren ungewohnten Metren. Angereichert wird das noch durch Swing und Bossa, was teilweise zu befremdenden Ergebnissen
führt.
Die Arrangements lassen viel Luft für Improvisationen. Die Rollen wechseln ständig vom Begleiter zum Solisten. Der Bassist gibt die Einsätze: Er hat als einziger mal eine Hand frei. Und während der Violinist sich langsam in Rage geigt, schummert das Knopf-Akkordeon leise vor sich hin.
Urbaniak startete damals gleich in die USA durch, wo dann alle Musiker Solokarrieren begannen. Die Band Kroke wird uns hoffentlich live erhalten bleiben.
(Südwest Presse: Montag 16.04.2007)
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