KONZERT / Kristin Asbjørnsen in Langenau
Was für eine Stimme
Temperamentvoll und mit großer Stimme heizte die norwegische Sängerin
Kristin Asbjørnsen den Zuhörern in der Langenauer Martinskirche ein. Ein
tolles Konzert.
ALBERT HEFELE
Als erstes fiel auf: Die Norwegerin Kristin Asbjørnsen betrat die Bühne der
nicht eben überheizten Martinskirche in Langenau ohne Schuhe. Barfuß! Man
konnte nun spekulieren. Lags daran, dass es Norweger eben ziemlich kühl
mögen? Oder ist es eine Frage des Temperaments? Immerhin gehört die
zierliche Frau Asbjørnsen der Kategorie der grünäugig Rothaarigen an.
Denen unterstellt Volkes Meinung bekanntlich erstens Hexenhaftigkeit und
zweitens ein Übermaß an Temperament. Letzteres trifft im Fall Asbjørnsen
auf jeden Fall zu. Die hat Temperament und davon jede Menge.
Was für eine Power! Was für eine Stimme! Was für ein Talent, Musik
körperlich und mimisch auszudrücken! Solche Sängerinnen sparen dem
Veranstalter Heizungskosten. Und das ist noch lange nicht alles. Was die
Norwegerin, zusammen mit den Musikern der Band, aus dem größtenteils
unbekannten Material uralter Spirituals gemacht hat, ist ganz erstaunlich.
Wer aus der Schar der Langenauer Zuhörer das übliche Gospel-Gesülze
erwartet hatte, wurde massiv enttäuscht. Und wenn dann schon mal ein
Klassiker wie "Nobody knows the trouble Ive seen" auftauchte, war die
Überraschung doppelt groß. Nichts mehr übrig von der Standardnummer jeder
Pfarrnachmittags-Gospel-Aufführung. Nichts mehr übrig von "Glory, glory
Hallelujah".
Ein schräger, schroffer Riff. Stoisch und schmucklos. Darüber die zwischen
glockenhell und tiefschwarz changierende Stimme der kleinen Norwegerin.
Ein Arrangement, das sich in keiner Phase nach der Erwartung des Publikums
richtet. Dazu gehört eine Portion Mut und eine Portion innerer
Überzeugung. Dass die Musik der amerikanischen Sklaven vielleicht einmal
genau so gemeint war, beispielsweise. Kein Zeitvertreib während des
fröhlichen Bauwollpflückens. Sondern eine Anklage voller Bitterkeit.
Einerseits.
Andererseits quillt diese Musik über von Lebensfreude und Sinnlichkeit.
Womit wir schon wieder bei der grünäugigen rothaarigen Norwegerin wären.
Auch dafür ist sie genau die richtige Besetzung. Ihr Publikum kann sie
buchstäblich verhexen. Da mag sie sich noch so artig für den Beifall
bedanken und keusch die Lider senken, der Frau traut man irgendwie so
ziemlich alles zu. Musikalisch und künstlerisch, versteht sich. Apropos
musikalisch - vielleicht sollte man doch noch ein Wort über die Band
verlieren. Dieses Wort heißt: toll. Ohne Wenn und Aber. Jostein Ansnes an
den Gitarren, Olav Torget am Bass und der ganz fantastische Knut Aalefjaer
an den Percussions: erste Sahne. Wie das gesamte Konzert.
(Südwest Presse: Samstag, 03.10.2007)
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