LIEDERABEND / Konrad Jarnot und Alexander Schmalcz im Langenauer Pfleghof
Diese "Winterreise" ließ keinen kalt
Der Bariton Konrad Jarnot und Alexander Schmalcz präsentierten Schuberts "Winterreise" im Langenauer Pfleghof als einen illusionslosen Trip durch klirrende Kälte.
GEORG LINSENMANN
Steil nach oben geht es seit einiger Zeit für den in Laichingen heimisch gewordenen Briten Konrad Jarnot. So singt er dieses Jahr etwa bei der Schubertiade in Feldkirch und bei den Schwetzinger Festspielen, in Japan und den USA. Er hat sich in eine feine Riege hervorragender junger Liedsänger hineingearbeitet, die vom einstigen Übervater des Genres, Dietrich Fischer-Dieskau, viel gelernt hat und doch einen eigenen Weg der musikalischen Gestaltung findet. Das zeigte Jarnot auch in Langenau.
Voll innerer Spannung gleich "Die gute Nacht", das erste Lied aus Franz Schuberts Zyklus, in dessen ersten sieben Worten bereits alles gesagt scheint: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." Wie ein schwebender Piano-Hauch liegt diese Eröffnung im Raum. Gerade so, als müsse der Wanderer sich erst einmal klar machen, welche Art von Fremdheit ihm da eben widerfährt.
Und als hochdramatischen Klärungsprozess entfaltet dann auch Konrad Jarnot das Schicksal eines Mannes, dem das Herz auf immer gebrochen wurde. Mit dem Temposturz der "Wetterfahne" nimmt der Ingrimm Fahrt auf, doch noch in der "Erstarrung" ist soviel untergründiges Beben, dass es noch einige Lieder braucht, bis der "tödlich schwer" Verletzte alles als eitel, als"eines Irrlichts Spiel" erkennt.
Eine Erkenntnis, die in Jarnots Interpretation immer weitere Vertiefung und Steigerung erfährt. Bis zu jenem Block der vier letzten Lieder, in denen Jarnot auf berührende Weise erleben lässt, wie Schubert hier weit übers Psychogramm hinaus, in eine andere Sphäre führt. Mit einem Winterreisenden, der in der vollen Helligkeit des Bewusstseins alle Illusionen fahren lässt und sich dabei nicht nur an den Rand des Nihilismus wagt. Der Mensch, barfuß im Schnee.
Das ist ebenso packend wie auch musikalisch überzeugend. Jarnot erweckt diesen Winterreisenden mit seiner präzise geführten, delikat timbrierten, in der Mittellage in aller Fülle strömenden, auch in Höhen und Tiefen ansprechenden Stimme zum Leben. Mit Mut zur Expression und zur lyrischen Versenkung. Faszinierend, wie Text und Musik sich bei diesem Sänger wechselseitig erhellen!
Mit Alexander Schmalcz hat Jarnot am Klavier einen Partner, der die Gesangslinie sensibel begleitet und zudem seinen Part ausgesprochen pianistisch angeht, was einen reichen Klaviersatz offenbart, überraschende Dissonanzen inklusive. Das war ein Schubert, der die Extreme nicht scheute. Diese "Winterreise" ließ die Zuhörer keine Minute lang kalt.
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