Der Literat als Tastenpoet
Ketil Bjørnstad im Langenauer Pfleghof
In der Literaturszene ist Ketil Bjørnstad inzwischen fast bekannter als im Jazz. Im Pfleghof erlebte man den Norweger als bilderreichen Pianisten.
UDO EBERL
Welch außergewöhnliche Karriere. Der heute 57-jährige Ketil Bjørnstad gab mit 16 sein Debüt als Konzertpianist. Doch schon bald interessierte sich der Norweger für Jazz und Rock. Das breite Spektrum klingt noch heute in seinem Spiel durch. Und die lyrische Ader. Schließlich hat der Mann inzwischen 20 Lyriksammlungen, Romane und Biografien veröffentlicht. Sein Roman "Vindings Spiel" war ein Bestseller. Nun kehrte Bjørnstad also in den Langenauer Pfleghof zurück, in dem er bereits als Autor gastiert hatte, und spielte beim Saisonauftakt vor mehr als 100 Besuchern.
Diese erlebten neben einem Best of zunächst eine längere Improvisation, in der drei unveröffentlichte Stücke verarbeitet wurden - mit Stärken und Schwächen. Der Pianist lebt sich an den Tasten zwar aus, doch sein Herzblut fließt nicht allein ins Instrument. Die nicht zu überhörenden Flüchtigkeitsfehler waren wohl der Vielseitigkeit des Künstlers und der zeitlichen Begrenztheit eines Tages geschuldet.
Doch im Verlauf des Abends schaffte es Bjørnstad durchaus, solcherlei Petitessen vergessen zu machen. Mit komplexen Klanglandschaften, die innerhalb eines Stücks unterschiedlicher kaum sein konnten, und mit feinen Melodien voll poetischer Kraft. Immer häufiger schlossen sich die Augen der Zuhörer, denn hier agierte ein feinsinniger Bildermaler, ein Musiker, der in der Vergangenheit nicht allein Musik für Filme komponierte, sondern auch den Soundtrack für den Film im Kopf liefert. Nicht die Virtuosität zählte, es war die verschwenderische Art und Weise mit Melodien und Harmonien umzugehen. Und die besonders intensive Art, Balladen anzugehen.
In den zarten Momenten spielte Ketil Bjørnstad all seine Stärken aus und berührte.
(Südwest Presse: Samstag, 19.09.2009)
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