PFLEGHOF / Ketil Bjornstad - Moderne Familiensaga mit Musik
LESUNG / Ketil Bjornstad stellte in Langenau sein Buch "Villa Europa" vor
Ketil Bjornstad ist eine Mehrfachbegabung. Das erlebten die begeisterten Zuhörer im Langenauer Pfleghof, wo der norwegische Pianist, Komponist und Autor am Samstag das Publikum in sein Universum entführte - unterstützt von Renatus Scheible, der die Texte las.
ALBERT HEFELE
Norwegen und die Norweger sind in, machen vor allem Furore in der Kulturszene. Die Bücher von Marianne Fredriksson sind Bestseller, und norwegische Jazzmusiker wie der Trompeter Nils Petter Molvaer oder der Gitarrist Eivind Aarset gehören ebenso zum europäischen Top-Personal wie Ketil Bjornstad. Der war am Samstag zu einer Lesung in den Langenauer Pfleghof gekommen - wobei der Begriff "Lesung" im Falle Bjornstads relativ ist. Denn ob man den eher den Musikern oder den Literaten zuordnen soll, ist keine einfache Frage.
Bjornstad ist nämlich eine dieser seltenen Doppelbegabungen, die in mehreren Disziplinen - hier Literatur und Jazz - ähnliche Qualitäten aufzuweisen haben, woraus sowohl Gedichtbände und zahlreiche Romane als auch viele LP und CDs entstanden sind.
Um sich ganz auf den konzertanten Teil, das Klavierspielen, konzentrieren zu können, hatte der Norweger sich Renatus Scheibe, Mitglied des Ulmer Theaters, als Unterstützer und Leser seiner Texte engagiert. Dennoch gab es nur einen kleinen Ausschnitt des Bjornstadschen Universums zu hören. Das war ein bisschen schade, aber unvermeidlich, weil die Konzert-Lesung sonst wohl an die fünf Stunden hätte dauern müssen.
So etwas wie Bjornstads Musik hört man nicht oft. Was mischt er da zusammen? Hin und wieder schimmert McCoy Tyner etwas durch, aber in der Hauptsache ist das europäische Volksmusik auf dem Hintergrund einer klassischen Ausbildung. Sehr fremd und gleichzeitig sehr vertraut. Norwegisch eben.
Sein Buch "Villa Europa" hat eine ähnliche Ausstrahlung, und einem wie Bjornstad fällt es sicher manchmal schwer, sich zu entscheiden: Soll ich das Thema vertonen oder darüber schreiben? "Villa Europa" ist eine Familiensaga zwischen Belle Epoque und dem Fall der Berliner Mauer. Eine Saga, die in halb Europa spielt, eine Familie, die sich über das geographische Europa zerstreut und doch immer wieder in den Räumlichkeiten der Villa landet. Erzählt von einem, der auch herumgekommen ist und dabei genau beobachtet hat. Länder und - vor allem - Menschen. Charaktere, über die man, nicht zuletzt wegen des eindrucksvoll lesenden Renatus Scheibe, mehr wissen möchte. Charaktere, die Substanz und Tiefe haben und die man nicht aus dem Ärmel schüttelt.
Das wäre nicht die Art von Ketil Bjornstad. Dazu ist der Mensch zu groß, zu ungelenk, zu bescheiden und unprätentiös. So einer pfeift auf Glamour und wohlfeile Lobhudeleien. So einer macht nichts für die lauten Video Clips und die Ramsch-Regale. Ketil Bjornstad ist gewissenhaft und respektvoll und behutsam. Wie von einer sanfter Melancholie bedrückt und einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, Gleichzeitig aber den Sinnesfreuden nicht abgeneigt und von einem jederzeit lauerndem, überraschend bissigen Humor am Leben gehalten. Ein Norweger eben.
(Südwest Presse: Montag 24.01.2005)
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