MUSIK / Johannes Lauers "Streicheinheit" im Langenauer Pfleghof
Klangarchitekt mit Jungschar
Der 24-Jährige und sein Ensemble überzeugen mit eher ruhigen Tönen
Johannes Lauer ist einer der talentiertesten Bläser und Komponisten Deutschlands. Im Langenauer Pfleghof übte er zusammen mit seinem jungen Ensemble "Streicheinheit" den weiten Spagat zwischen anspruchsvollem Jazz, Neuer Musik und der Kunst der Fuge.
UDO EBERL
Es ist noch gar nicht so lange her. Da konnte man den 24-jährigen Ravensburger Johannes Lauer bei den "Young Friends" an der Seite des die Jazzgipfel stürmenden Pianisten Michael Wollny im Langenauer Pfleghof erleben. Nun kehrte er auf Einladung des Vereins "Kunstwerk" mit seiner "Streicheinheit" auf die selbe Bühne zurück. Stücke für das "Streichquartett plus" hatte er für sein Kompositions-Diplom geschrieben und mit jungen Talenten zur Aufführung gebracht. Der Abschluss mit
Auszeichnung, ein New York-Stipendium und der Ruf nach mehr Livemusik waren die Folge. Der Auftakt der Tournee in Langenau sollte dem Quintett reichlich Rückenwind gegeben haben, denn das Publikum zeigte sich besonders vom jazzigen Dreh begeistert.
Vom kompositorischen Vermögen des jungen Chefs musste man nicht überrascht sein. Schließlich drückt er auch Stücken der "Young Friends" seinen Stempel auf, und Kollege Wollny rutscht schon mal vom Pianohocker, wenn es Lauers Vielharmonik bedarf. Er ist am Flügel ein Akkordhaucher, ein Tastender, der sich vorsichtig mit verbundenen Augen übers Jazz-Hochseil bewegt, im Zweifelsfall mit der Gewissheit, dass ein von den Bögen der Mitspieler gespanntes und hoch komplex verknüpftes Netz auf ihn wartet.
Experimentelle Tiefen
Noch intensiver wird das an Lauers erstem Instrument, der Posaune. Der Schüler von Nils Wogram hat diesem einiges abgeschaut, nutzt das ganze Klangspektrum des Instruments, wagt sich mutig auch in experimentelle Tiefen, unterm Strich ist es jedoch die swingende Sanftheit, die am meisten wirkt und berührt. Lauer ist einer, der selten auf den Putz hat, dem das Brachiale, die übermäßige Selbstdarstellung eher fremd ist. Ein akribisch arbeitender Klangarchitekt ist er, zudem einer, der die Jazzliteratur mit tiefen Atemzügen inhaliert hat. Während man bei den Bearbeitungen von Klassikern aus der Feder von Hancock oder Coltrane nur den Hut ziehen konnte, fehlte es bei der Kunst der Bach-Fuge oder in den Improvisationsteilen noch am letzten Feinschliff.
Die Ausflüge in die Neue Musik hörten sich mächtig nach Diplom und viel Kopf an, dennoch schien der Schuh noch ein wenig zu groß. Am Ende waren das beiläufige Randnotizen eines Konzerts, in dem auch Violinist Tobias Preisig, Christoph König an der Bratsche, Philipp Steen am Kontrabass und nicht zuletzt der Berliner Cellist Stephan Braun überzeugen konnten. Was Braun, der zuvor sein Cello bereits perkussiv außergewöhnlich gut eingesetzt hatte, am Ende solistisch zuzusetzen hatte, das war mehr als spektakulär und krönte den Auftritt eines Ensembles, das sich ein halbes Jahr nach seiner Gründung schon auf einem eindrucksvollen Niveau bewegt. Johannes Lauer ist ein Name, den man sich gut einprägen sollte.
Südwest Presse (Dienstag, 09.01.2007)
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