Joachim Kühns Flügelgewitter im Pfleghof
Joachim Kühn ist einer der ganz großen Jazzpianisten. Im Langenauer Pfleghofsaal forderte er sein Publikum mit einem anspruchsvollen Soloritt.
Nein, leicht wollte es der mittlerweile 66-jährige Starpianist den nur 50 zahlenden Besuchern im luftig gefüllten Pfleghofsaal wahrlich nicht machen. Vor die eingängigeren Melodien und Harmoniefolgen setzte der Mann in Schwarz eine Langzeitimprovisation. Zunächst wühlte sich Kühn an den Tasten durch orientalisch anmutende Ornamentik, dann schienen sich die gegenläufig aufeinander zurasenden Hände ein fiebriges Duell zu liefern, um dann in der klassischen Musik das große Ganze zu finden.
Beim Leipziger gibts freilich kein Play Bach in der Manier eines Jacques Loussier zu hören. Anspielungen, Sequenzen, Verfremdungen, Neudefinitionen - mit Zauberfingern entlockte Kühn all das dem Flügel, um sich dann über einer geradezu simplen Basslinie in der Größe eines monolithischen Blocks mit zierlich kleinen Melodiefitzeln entlang zu hangeln. Der Moment zählte, und das Feingliedrige berührte, obgleich der Mann noch immer eher wie ein Heldentenor am Instrument sitzt.
Forschen kenne keine Grenzen, sagte Kühn nach dem ersten Beifall, er hatte aber so manchem Besucher bereits den Zahn gezogen. Einige von ihnen traten schon bald den geordneten Abgang an, dabei reagierte der Meister der Tasten sehr feinfühlig und keineswegs borniert auf die Bedürfnisse der Hörerschaft. Immer melodiöser, immer griffiger wurden die Stücke. Wuchtig bisweilen, aber auch im besten Sinne lyrisch. Und da hörte man nun auch, warum Kühn in den 70ern neben Keith Jarrett und Chick Corea zu den ganz Großen des Solo-Pianos gehörte. Wunderbar, diese musikalischen Querfeldeinläufe, die ansatzlosen Fingersprints, die Handkantenschläge mit der Linken, die Antiblues-Attacken, der Jazz.
Hier wurde aufgebrochen, gewütet und sorgsam neu gestaltet. Immer poetischer und kompatibler klang das. Begeistert wurde eine Zugabe eingefordert. Noch mehr Poesie, aber noch kein Ende. Kühn wollte sich so dann doch nicht verabschieden. Noch einmal wuchtete er Akkorde heraus, die auch zu einem elektrifizierten Fusion-Kracher gehört haben könnten, verband Rasanz und freien Geist. Nun, ganz am Ende des Konzerts, schien er mit sich im Reinen. Ausgespielt im besten Sinne.
Südwest Presse: Donnerstag, 29.04.2010
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