Wie ein Abend in der Stammkneipe
"Durst ist schlimmer als Heimweh" heißt das neue Soloprogramm, das der Kabarettist Jess Jochimsen im fast vollen Langenauer Pfleghof vorstellte.
Er ist kein Lauter, der auf Teufel komm raus Lacher provoziert. Jess Jochimsen sitzt mit seinem Glas am Tisch. Das Publikum ist sein Gegenüber wie Erwin in Jochimsens Stammkneipe und erfährt so einiges von Land und Leuten. Leitmotivisch kehrt manches und mancher wieder, wie eben Kneipenfreund Erwin, der Jochimsen beim "depressiven Jahresrückblick" auf allerlei Gedanken bringt.
Rein statistisch gesehen bringt sich in Deutschland alle 47 Minuten jemand um. Das bewegt den Melancholiker Jochimsen ("Ich bin schwermütig, es ist Herbst") dazu, in seinem Programm die Zeit zu messen. Überhaupt: "Wissen sie, was Zugausfall für einen Selbstmörder bedeutet?", fragt er, bevor er im fiktiven Interview mit Angela Merkel wissen will, was sie eigentlich beruflich macht.
Mit satirischem Blick seziert der 1970 in München geborene Wahl-Freiburger die Gesellschaft, mit Vorliebe seine eigene Generation, amüsiert sich über die vielen Hochzeitseinladungen. "Von Torschlusspanik, Babywunsch und steuerlichen Vorteilen schreibt da keiner."
Ob dieser Sehnsucht nach Sicherheit stellt Jochimsen fest: "Die Yuppies kommen wieder", und die sind schnell charakterisiert, diese " Ciabattabrotfresser", die " Event-Heinzelmänner, denen das Event abhanden gekommen ist." Missstände wie die Finanzkrise fasst er ganz unaufgeregt zusammen: "Ich lebe seit 15 Jahren knietief im Dispo, jetzt hat meine Bank mal Schulden."
Hier die Lacher, dort die leisen Gluckser, wenn Jochimsen sich auf den Wahnwitz des Alltags einlässt. Von der nachdenklich stimmenden zur deftigen Kost wechselt Jochimsen, wenn es um Ungerechtigkeiten geht, immerhin ist Komasaufen verboten, Komafressen nicht: "Das nennt man halt Brunch."
Der studierte Germanist spielt mit den Sprachfacetten, variiert gekonnt den Ton. Poetisch melancholisch ist seine Dia-Reise durch die Seitenstraßen seiner Heimat - und urkomisch, wenn auf einem Ladenschild "Fachhandel für Senioren, Behinderte und Linkshänder" steht. Offen ist Jochimsens Blick auch im Kleinen. Nicht von ungefähr stammt seinen Programmtitel - übrigens ein Kästner-Zitat - von der Klo-Türe seiner Stammkneipe.
Autor: Petra Starzmann
Südwest Presse: Mittwoch, 13.10.2010
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