Konzert / Giora Feidman in der Langenauer Martinskirche
Ein Hauch von Musikantenstadl
Ein Weltstar an der Klarinette, den zwei Klasse-Musiker begleiten. Dennoch: Beim Konzert von Giora Feidman in der Langenauer Martinskirche blieb ein wenig der Musikgenuss auf der Strecke. Der König des Klezmer verzettelte sich zu sehr in seiner Rolle als Entertainer.
ALBERT HEFELE
Sicher ist: Feidman ist ein weltweit bekannter Musiker. Logisch, dass er und seine Mitmusiker, Guido Jäger am Bass und Jens Uwe Popp an der Gitarre, allesamt erstklassige Kräfte sind. Da gibt es nichts zu diskutieren und auch nichts auszusetzen.
Sehr wohl zu hinterfragen war allerdings das Feidmansche Konzertkonzept. Denn was sich innerhalb der neunzig Minuten in der Langenauer Martinskirche tat, war zwar durchaus abwechslungsreich, aber bei weitem nicht immer der Rede wert.
Giora Feidman kann in rührendem Pidgin-Deutsch beeindruckend über den Zustand der Welt reden und anschließend irgendwelche Plattitüden über die uns alle verbindende Kraft der Musik vom Stapel lassen. Er kann, wenn er will, großartige Musik machen: subtil, verletzlich, sehr, sehr melancholisch, aber auch listig und temperamentvoll. Die sprechende Klarinette beklagt den Schmerz der Welt und zetert wie ein Marktweib.
Alles, was den Klezmer ausmacht, hat Giora Feidman in seiner großen Trickkiste. Aber auch Mozart, so schön, dass man weinen möchte, und plötzlich Scott Joplins "Entertainer" und dann einen Landler. Ist das witzig? Muss das sein? Nicht, dass solche Schlenker sich für einen großen Musiker nicht gehörten. Das haben alle gemacht. Als Zitat, als winzigen, witzigen Kontrapunkt. Feidman lässt es leider nicht dabei bewenden. Das Publikum soll ein ums andere Mal mitsingen und mitsummen. Hier die Männer, da die Frauen. Das hat was von Musikantenstadl. Es soll Menschen geben, die das wirklich mögen. Anderen wird durch eine Überdosis Mitsingen der Spaß an der Musik vergällt. Ein fragwürdiges Vergnügen, das vor allem die Struktur eines Konzertes stören kann. Es zerfleddert den Ablauf und verhindert, dass sich so etwas wie ein emotionaler Spannungsbogen aufbaut. Es verhindert, dass aus vielen, zum Teil beeindruckenden Bausteinen, ein
imposantes Gebäude wird und aus einem ganz netten Abend ein unvergesslicher.
Südwest Presse: Donnerstag, 5.10.2006
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