JAZZ / Furiose Reise
Gilad Atzmon und sein Orient House Ensemble begeisterten im Langenauer Pfleghof mit einem Mix aus Bebop, Free Jazz und Balkanmelodien.
WOLFGANG HÄBERLE
Mit dem Saxophonisten Gilad Atzmon stellte sich eine schillernde Persönlichkeit in Langenau vor. 1963 in Jerusalem geboren, begab er sich 1994 ins Exil nach London, da er die Politik seiner Heimat ablehnte. In Großbritannien studierte er Philosophie, wurde Schriftsteller und machte Musik mit Ian Dury, Paul McCartney und Sinéad OConnor. Die politische Einstellung Atzmons spiegelt sich auch im Namen seiner Band wider. Das Orient House steht in Ostjerusalem, ist seit 1993 Hauptquartier der palästinensischen Autonomiebehörde und gilt als Symbol des Widerstands gegen Israel.
Vor dem Konzert rezitierte die Übersetzerin Atzmons Sophia Deeg einige Passagen aus seinem neuen Roman "My one and only love", in dem er mit israelischer Kultur und Geschichte mittels satirischer Überzeichnung abrechnet.
Gleich mit dem ersten Stück "Liberating the american people" zeigte dann Atzmon neben seiner politischen Einstellung auch seine musikalischen Wurzeln. Der Saxophonist, der später auch zur Klarinette griff, fühlt sich im Bebop wie im Free Jazz zu Hause, Albert Ayler und der späte John Coltrane schimmerten in seinem Spiel kräftig durch. Ein Chorus jagt den nächsten, mal lyrisch, mal hymnisch, aber immer expressiv, manchmal sogar brachial, mit großartigen Improvisationen. Für den fast schon brutalen Wechsel in die orientalischen Klangfarben der Stücke waren Romano Viazzani am Akkorden und der Violinist Dumitru Ovidiu Fratilla zuständig.
Für seinen Stilmix, in dem auch eine schmachtende Pusztamelodie ihren Platz findet, hatte Atzmon erstklassige Begleiter mit seinem Pianisten Frank Harrison und dem Kontrabassisten Yaron Stavi. Allen Stücken drückte aber der exzellente Schlagzeuger Saf Sirkis mit seinem rhythmisch komplexen wie auch mit seinem freien Spiel seinen Stempel auf. Zu "Re-Arranging the 20th Century" kam auch der Sänger Guillermo Rozenthuler mit auf die Bühne. Es wurde eine furiose Reise durch die Musik des Jazz wie der Folklore, in die ebenso eigenwillige wie witzige Versionen von Standards einflossen.
Südwest Presse: Freitag 28.10.2005
Startseite