LESUNG / Frank Goosen im Langenauer Pfleghofsaal
Die 70er waren orange
"Ich bin hier der Komiker", sagt Frank Goosen. In seiner Langenauer Lesung kullerten die Geschichten wie Kugeln in der Lottomaschine. Jede ein Gewinn.
CHRISTA MAYER
"Reden wir über ein Thema, über das noch viel zu wenig geredet wurde: über mich." So beginnt Frank Goosen seine Lesungen und es geht tatsächlich um nichts anderes als um Frank Goosen. Und vielleicht noch um das bisschen Welt drum herum. Es ist so durch und durch alltäglich, was dieses Ruhrpottgewächs als Anekdoten aus den Rinnsteinen sammelt und von den Kindertellern kratzt, dass einem ganz bange wird über das Doppelleben der Dinge. Der Bochumer Tingeltangel-Komiker, der mit seinem ersten Roman "Liegen lernen" und dem nachfolgenden, gleichnamigen Film bekannt wurde, verleiht selbst der Türverkleidung eines Flugzeuges ein Eigenleben.
Bei Frank Goosen, der im Langenauer Pfleghof aus seinem neuen Buch "Mein Ich und sein Leben" las, ist eine dreckige Windel nicht nur eine dreckige Windel. Sie ist erstens die dreckige Windel eines seiner zwei Söhne und damit schon von zentraler Bedeutung für den Vater. Zweitens ist so ein Windelinhalt in einem bestimmten Stadium des Elterndaseins der Gradmesser für das Wohlbefinden einer ganzen vierköpfigen Autorenfamilie.
Der Autor philosophiert nicht nur über Kinderkacke. Er breitet auch mit großen Gesten seine glücklosen Lieben aus und beschwört immer wieder die Jahre seiner Kindheit. Für ihn waren die 70er Jahre orange. Die Goldnusspärchen standen in der aufklappbaren Hausbar und das Schlehenfeuer wärmte die Seele.
Der Mann ist schon deshalb als Vortragender ein Erlebnis, weil seine eigenen Geschichten nur der Anlass sind, um sich über das aktuelle Tagesgeschehen auszulassen. Zwei Tage vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen sprangen den scharfen Beobachter die Wahlplakate an. Die Analyse der Kandidatenpräsentation gibt ihm die allzu gern genutzte Gelegenheit, alle möglichen und unmöglichen Politikerhaltungen anzunehmen. Wie sieht so ein Kandidat aus, wenn er gleichzeitig locker und entschlossen wirken will? Komisch. Frank Goosen macht es vor und das Publikum kugelt sich.
Dann erzählt er, wie die Grünen auf ihren Plakaten den Gipfel der Wahlkampfpoesie erstürmten. Mit den schlichten vier Worten: "Mein OB ist grün". Alles echt, alles wahr, beteuert Goosen.
Südwest Presse (Artikel vom 25.09.2004)
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