JAZZ / Die Berliner Band Flexkögel im Langenauer Pfleghof
Klang-Explosionen in Zeitlupe
Rund 100 Besucher ließen sich im gut besuchten Langenauer Pfleghof auf die vielschichtige Klangwelt der Berliner Jazzband Flexkögel ein. Die präsentiert sich zu verspielten postmodernen Textzeilen ebenso spannend wie entspannend und ebenso komplex wie naiv.
JOHANNES GRUBER
Schon der Beginn mit Bernsteins "Somewhere" zeigte, wohin an diesem Abend im Pfleghof die Reise mit Flexkögel gehen sollte: in eine eigene, höchst ambivalente Klangwelt. Momente purer Entspannung verwandeln sich in atemlosen Stillstand und umgekehrt. Ihr Sound ist eine positive Mischung aus zäh und hektisch, fordernd, aber nicht überfordernd.
Flexkögel, das kommt von den Namen der Sängerin Britta-Ann Flechsenhar und des Gitarristen Christian Kögel. Sie bilden eine Art Doppelspitze und sind größtenteils für Ideen und Arrangements der Stücke zuständig. Ihre Mitstreiter sind Paul Kleber am Bass, Bene Aperdannier am Rhodes-Piano und der Schlagzeuger Reiner Winch.
"Sightreaders Anonymous" nennt Christian Kögel einen Dada-Song über eine fiktive Selbsthilfegruppe, "für Leute, die beim Lesen einschlafen". Die verspulten Texte erfordern aber kaum Eingewöhnungszeit, zu sehr passen sie auf den knackigen Bass und die zurückgenommene, aber umtriebige Gitarre. Darüber hinaus dienen die Texte oft mehr der Wirkung als dem Inhalt: Sowohl Sängerin als auch Gitarrist greifen gerne zum Effektgerät, streuen Samples ein, spielen mit dem Echo, verzerren, verweben und lösen wieder auf. Das wirkt aber nie zu dick aufgetragen, sie bewahren ihrem komplexen Klang eine stete Leichtigkeit. Britta-Ann Flechsenhar prahlt nicht mit ihrer Stimme, sie lässt sie auch gerne schüchtern wirken, tränkt sie erst im Laufe des Songs mit Kraft. Sie kann aber auch das Berliner Mädchen geben und mit trockener Gesangsstimme wunderbar naive Fragen stellen: "Ist das dein Gesicht oder nur ein Licht, das sich bricht?", singt sie im Song "Raumfahrt". In "Strandbikini" stellt sie hingegen fest: "Dancin auf dem Balkon is something that turns me on." Jetzt gibt es in der Hauptstadt sicher Indiebands, die ähnliche Zeilen im Programm haben. Erst die klangliche Grundierung macht diese postmoderne Lyrik so erfrischend. Das liebste Stilmittel ist aber doch die Explosion in Zeitlupe, beginnend mit perlenden Fender-Rhodes-Akkorden und einer raffinierten Perkussion und endend in einer immer wieder neuen Kombination aus Flex und Kögel.
Südwest Presse: Dienstag 10.01.2006
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