Der Leberkäse für ihn, der Schafskäse für sie
Frauen und Männer essen unterschiedlich. Aber warum landet der Leberkäse bei ihm, der Schafskäse bei ihr? Aus ihrem neuen Buch haben Eva Gritzmann und Denis Scheck in Langenau gelesen.
Der Unterschied zwischen Frau und Mann zeigt sich nach Ansicht von Eva Gritzmann und Denis Scheck nirgendwo so deutlich wie beim Essen und Trinken. Die beiden hatten sich während der Recherche zu ihrem Buch einen Spaß daraus gemacht, ob man anhand von Bestellungen in Restaurants, Mensen oder Kantinen auf das Geschlecht schließen könne? Ja, man kann. Salat mit Putenstreifen? Eine Frau. Kristallweizen? Ein Mann. Spanferkel? Mann. Flambierter Sambucca? Frau. Artischocke mit zwei Dips? Frau. Zwiebelrostbraten? Eben, man kann es sich denken. Aber warum manifestiert sich das Geschlecht so eindeutig in den Restaurants. Oder anders gefragt: Warum gastiert das "sexistische Theater des Essens" weltweit?
Medizinerin Gritzmann und Literaturkritiker Scheck (bekannt aus der ARD-Sendung "Druckfrisch") lasen am Sonntagabend im Langenauer Pfleghof auf Einladung der Volkshochschule, der Stadtbücherei und der Buchhandlung Mahr. Sie kennen sich aus Teenager-Tagen, als sie das "kreuzbrave Gottlieb-Daimler-Gymnasium" in Stuttgart besuchten. Schon damals hatten sie allerhand Ideen rund ums Essen, letztlich einigten sie sich "wegen einer Kneipenwette" auf das Buch. Antworten auf ihre Frage suchten sie in der Weltliteratur, etwa bei Gustave Flaubert und Robert Musil. In der Bibel, dem Talmud und Koran, wo unablässig vom Essen gesprochen werde, was Scheck zur Aussage verleitet: "Im Anfang war das Wort? Von wegen - im Anfang war das Rezept."
Sie unterhielten sich auch mit Größen der Kochkunst, etwa Vincent Klink und dem Spanier Ferran Adrià. Gewidmet aber haben sie ihr Buch nicht den großen Köchen der Welt, sondern ihren Müttern Ottilie und Wilma. Denn die frühe kulinarische Sozialisation bestimme lebenslang Geschmack und Gewohnheit. Dass Essen und Trinken oftmals die Ratio vom Gefühl trennt, musste selbst die Ikone und Mutter der deutschen Frauenbewegung einräumen. Ob sie schon einmal eine Diät gemacht habe, wollten sie von der Feministin Alice Schwarzer wissen: "Leider ja", sagte sie. "Ich bin auch nur eine Frau."
Autor: Simon Palaoro
Südwest Presse: Mittwoch, 13.04.2011
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