Kabarett mit vollem Körpereinsatz
Charmant, witzig, mitunter recht bissig und zwei Stunden lang sehr unterhaltsam: Claus von Wagner erhielt im Pfleghof viel Applaus.
Zappelphilipp nennt man ein Kind, das nicht still sitzen kann, immer irgendwie unruhig herumturnen muss. Mediziner sprechen dabei von einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Mit seinen 33 Jahren ist der Kabarettist Claus von Wagner ganz sicher kein Kind mehr. Und auch das Publikum im Langenauer Pfleghof bringt ihm die angemessene Aufmerksamkeit entgegen. Dennoch ist von Wagner ein ziemlich zappeliger oder, positiv ausgedrückt, ein sehr präsenter Geist auf der Bühne. Gerade in seinem aktuellen Programm "Drei Sekunden Gegenwart". Wovon sich die begeisterten Zuschauer am Dienstagabend im Pfleghof überzeugen konnten.
Dabei ist das Thema seiner Ein-Mann-Kabarettkomödie durchaus ernst: Ein junger Mann kämpft ums Sorgerecht für seine Tochter. Vor Gericht schlüpft von Wagner dann auch in sämtliche Rollen: Vater, Anwalt, Richterin. Dabei beherrscht er alle Zwischentöne von tragisch-ernst über bissig-ironisch bis albern-komödiantisch. Eine Kostprobe in der Rolle des Anwalts: "Wenn ich eine Münze in einen Cola-Automaten werfe, wem gehört dann die Cola? Dem Automaten oder mir?" Die Richterin überzeugt er damit nicht, aber das Publikum schüttet sich vor Lachen aus.
Claus von Wagner reiht nicht etwa Nummer an Nummer oder hangelt sich von Gag zu Gag. Nein, er führt ein Stück auf. Wie weiland Bruno Jonas als Unternehmensberater Hubert Unwirsch in "Bis hierher - und weiter". Zwar weicht von Wagner allzu gerne in die Tagespolitik aus, aber der rote Faden führt ihn immer wieder zurück zum Kern, also auf den Dachboden des elterlichen Hauses oder in den Gerichtssaal. Mal schwelgt er in eigenen Kindheitserinnerungen, mal führt er einsame Selbstgespräche mit der ihm weggenommenen Tochter.
Das ist mitunter nicht nur komisch. Mit den Ausflügen in die Tagespolitik gönnt er seinem Publikum die erholsamen Lacher. Ihr Fett weg bekommen dabei die üblichen Verdächtigen: Seehofer und Söder, weil von Wagner Bayer ist, auch wenn mans kaum hört - aber auch Westerwelle und Merkel. "Versicherungsvertreter verkaufen Versicherungen", sinniert von Wagner. "Staubsaugervertreter verkaufen Staubsauger. Und was verkaufen Volksvertreter?" Er lässt Politiker ein Krippenspiel aufführen. Mit Merkel als Maria, mit von Guttenberg in der Rolle aller Hirten. Für Steinmeier bleibt da nur die unauffälligste Rolle übrig: die Türe vom Stall. Da wundert es wenig, dass Dieter Hildebrandt, der Grandseigneur unter den deutschen Kabarettisten, von Wagner einmal mit den Worten "herausragende Nachwuchskraft" geadelt hat.
Autor: EDWIN RUSCHITZKA
Südwest Presse: Donnerstag, 13.01.2011
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