KONZERT / Charlie Mariano und Dieter Ilg im Langenauer Pfleghof
Bei diesem Duo ist nichts unmöglich
Er gehört zu den Altmeistern des Saxophons - und das im wörtlichen Sinne. Aber trotz seiner 82 Jahre lieferte Charlie Mariano in Langenau ein höchst vitales Konzert ab.
ALBERT HEFELE
Der 82-jährige Charlie Mariano ist einer der letzten - Vorsicht Wortspiel - großen Altsaxophonisten. Überhaupt - haben nicht alle wirklich Großen den souveränen Ton des Alt zu würdigen gewusst? Das hysterische Gefiepe eines Tenorsaxophons gemieden?
Da diese Diskussion zu weit führen würde, bleiben wir einfach bei Charlie Mariano, der jetzt im Langenauer Pfleghof gastierte - zusammen mit dem bemerkenswerten Bassisten Dieter Ilg. Bemerkenswert auch in seiner optischen Unauffälligkeit. Wenn man vor dem Auftritt an Ilg vorbeigeht, hält man ihn bestenfalls für jemand vom technischen Personal oder für einen sportlichen Langenauer, der eigentlich zum nebenan stattfindenden Handballtraining wollte und durch Zufall in der Kultur gelandet ist.
Dann taucht dieser Handballer auf der Bühne auf, und er nimmt sich diese riesige Kiste, die ein Instrument ist und fängt tatsächlich zu spielen an. Und er spielt fantastisch! Unglaublich vielseitig und unglaublich modern, mit einer raffinierten Leichtigkeit, um die ihn nicht wenige Gitarristen beneiden werden. Ilg hat eine komplett andere Auffassung vom Spiel mit dem großen Bass als etwa die Klassiker Charlie Hayden und Ray Brown. Dabei kann er ebenso melodisch sounden wie diese ehernen Giganten, aber auch aufregend nervös und percussiv spielen. Ein toller Bassist und das ideale Pendant zu Charlie Mariano.
Mag Dieter Ilg schon sehr viel zu bieten haben, Mariano ist immer noch ein anderes, größeres Kaliber. Weltklasse im Sinne des Wortes. Von dieser Kategorie Musiker gibt es nicht sehr viele. Die Qualität eines Musikers und Menschen entsteht aus der Summe seiner Erfahrungen als Musiker und Mensch. Die Erfahrungen des Charlie Mariano müssen unendlich und unendlich vielfältig sein. Nicht umsonst wird der Begriff Weltmusik gerne im Zusammenhang mit ihm gebraucht. Er hat sich keinem Einfluss, keinem musikalischen Einfluss entzogen. In seiner Musik ist die Melodik italienischer Opern ebenso möglich wie Versunkenheit asiatischer Meditationen, aber auch die vibrierende Nervosität der amerikanischen Ostküste. Nichts ist unmöglich, alles hat eine tiefe Logik.
Und es gibt wohl kein Publikum auf der Welt, vorausgesetzt es ist nicht taub und völlig versteinert, das sich einer solchen Ausstrahlung entziehen kann. Die Langenauer Fans waren jedenfalls hörbar dankbar. Für die Qualität dieser Musik, die auch im Rahmen des außergewöhnlichen Pfleghofprogrammes noch eine Seltenheit darstellt.
Südwest Presse: Samstag, 08.04.2006
Startseite