A CAPPELLA / "Camerata" im Langenauer Pfleghof
Wodka, Wälder, Weiten?
A cappella der Spitzenklasse: Das Septett "Camerata" aus Minsk mischte im Langenauer Pfleghof Klassik und Jazz gekonnt und virtuos - aber zu laut.
CHRISTA KANAND
Haste Töne? "Dum, dum, dum", zupft der schlaksige Grummelbass an seinen Stimmbändern. Der Rest der glorreichen Sieben in klassischem Schwarz flüstert, zischt, tratscht. Auf Russisch oder in lautmalerischen Leerformeln? Egal. Aus der Geräuschkulisse schraubt sich eine eigenwillige Melodie in höchste Sopranhöhen - durchdringend, metallisch, zu schrill
verstärkt, befremdend, ja gewöhnungsbedürftig.
Das Septett "Camerata", vier Frauen und drei Männer, räumte im vollen Pfleghof mit Klischees tüchtig auf. Von russischer A-cappella-Tradition im Stil der Don Kosaken ist die Vokalformation, so weit entfernt wie Langenau von Minsk. Easy listening, leichte Kost? Hinter jedem Takt lauerte eine Überraschung: spannend, äußerst anspruchsvoll. Außergewöhnlich war auch
die Intonationsreinheit der sieben Musikhochschulabsolventen. Nur die Lautstärke nervte. Weniger Technik wäre eindeutig mehr gewesen.
Die Stimmriesen setzten in ihren raffinierten, oft harmonisch bizarren Kompositionen neue Maßstäbe. Inhalte vermittelten die beiden Hauptakteure Olga Vorobieva (Sopran) und Alexandre Dovnar (Tenor) auf Deutsch.
Doch immer dann, wenn die Zuhörer in siebenstimmigen Tonbildern wie "Bulgarian fantasy" oder "Luba" (Liebe) Lebensfreude, Heimat, Tänze, Wodka, Wälder und Weiten zu erkennen glaubten, kam der brüske Umschwung. Schwupps, schon katapultierten sich die Vokalartisten gen Westen.
Pfiffige Cover-Versionen mischten bekannte Samba- und Mambo-Klänge sowie Jazz- und Swing-Klassiker. Trompeten quäkten, Posaunen tuteten, Rumbarasseln plätscherten wie bei einer Jazz-Combo, oft näselten die überaus wandlungsfähigen Stimmen wie Micky-Mäuse auf einer uralten Schellackscheibe.
Man erlebte sein blaues Wunder, wobei auch die modern umrankte "Stille Nacht" nicht fehlte. Nicht zuletzt heißt das aktuelle "Camerata"-Programm nach der gleichnamigen CD "Miracle". Und kaum zu glauben: Alles war mundgemacht, täuschend echt vom Maultrommelklang, Sirenengeheul bis zum tirilierendem Vogelgezwitscher ("Love appointment"), Wind- und
Waldesrauschen.
Der Walzer "Schöne blaue Donau" becircte als Zugabe nach viel Beifall mit Operettenschmäh. Tonschön entführte Rachmaninows "Te Deum" in die orthodoxe Sakralwelt, von der man gern mehr gehört hätte.
Südwest Presse (Mittwoch, 13.12.2006)
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