Offen für neue Horizonte: Bobo Stenson
Komplexe Kompositionen, große Spielfreude, überraschende Wendungen: Das Bobo Stenson Trio begeisterte bei seinem Konzert in Langenau.
UDO EBERL
"Und wie viel war jetzt frei gespielt?", fragte eine Dame den Pianisten Bobo Stenson gleich nach dem Konzert im Langenauer Pfleghof. Stenson hielt einen Moment lang inne, begann zu schmunzeln und antwortete: "Es war ganz viel frei gespielt - nach Noten." Treffender hätte er diesen Konzertabend kaum beschreiben können, denn dieses norwegische Trio beschenkte die knapp 100 Besucher mit einem zwar eher kurzen, aber sehr inspirierten Vortrag.
Und an Noten festhalten müssen sich die fantastischen Musiker eigentlich nie, denn Kontrabassist Anders Jormin und Stenson sind ein eingespieltes Tandem, das vom jungen schwedischen Drummer Jon Fält inspiriert und beflügelt wird.
Nun war Stenson in den vergangenen knapp 40 Jahren ja wirklich einer, der den europäischen Jazz mitgeprägt und für das entsprechende Standing bei den Großen des Metiers gesorgt hat. Was nun Stenson auszeichnet, ist Offenheit, die Bereitschaft immer neue Horizonte anzugehen. Sicherlich eine Erklärung dafür, dass man nach Schlagzeuglegenden wie Jon Christensen oder Paul Motian den jungen Jon Fält, einen gleichsam ernsthaften Rhythmiker und Spaßvogel, an Bord holte. Hand und Fuß hatte das, was der an den Drums da spontimäßig machte. Er wuchtete sich gegenrhythmisch in Stücke, polterte mit straighten Beats in Improvisationsgewitter und sägte munter an den Becken herum.
Die von so viel Vitalität angetriebenen Altmeister jagten rasant durch Bebop-Schluchten, malten traumhafte lyrische Bilder, nutzten selbst Latin-Sounds als Basis für kultivierten Jazz, der tief in den Roots verwurzelt war und zudem die Folklore der Heimat atmete oder klassische Schule spüren ließ. Zwischen Colemanscher Vertracktheit und balladesker Melancholie war hier alles drin. Stenson schien sein geistiges Jazzarchiv in geraffter Form förmlich herauszuschwitzen, und wenn Jormin über die Bass-Saiten federte und diesen die lieblichsten Flageoletts entlockte, wollte man ihn am liebsten umarmen. Schade nur, dass dieser Abend nach weniger als 90 Minuten enden musste. Stenson, der heuer 65 wird, hatte alles gegeben.
(Südwest Presse: Dienstag, 07.04.2009)
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