Geflügelte Worte rund ums Federvieh
Gartenbücher, Tiergeschichten und Essays über das Fremde. Wie geht das zusammen? Für Barbara Frischmuth sind das alles Beobachtungsfelder.
Am 28. Juli wird Barbara Frischmuth die Salzburger Festspiel-Dialoge eröffnen. "Der Termin liegt wirklich ziemlich dumm", sagt sie und seufzt. Denn der Juli ist Hochsaison im Gartenjahr, und ihr Garten braucht sie. Dringend. Drei Tage Lesereise in Langenau, Illertissen und Ulm reißen sowieso schon ein großes Loch in das tägliche Kümmern und Pflegen. Das wird aufgeholt werden müssen. Ein Garten ist ein unerbittlicher Sklaventreiber.
In Barbara Frischmuths Garten rund um das Haus in Altaussee (Steiermark) wächst und wuchert es. "Und wie sich die Pflanzen zuneigen und wegbeugen, wie sie verkümmern oder sich symbiotisch helfen", das empfindet sie als intellektuelle Herausforderung. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie beobachtet sie die Vorgänge draußen und drinnen. Draußen, wie die Stimme des Gartens ruft und sein forderndes Gedeihen die Leidenschaft der Gärtnerin kitzelt. In ihr drinnen, wie die Gärtnerin den Launen ihres Gartens folgt, Kompost komponiert, und klein beigibt, wenn der Garten so schafft, wie er will. Seit 22 Jahren macht die 69-Jährige ihrem Garten sein Gartensein schmackhaft und beschreibt die Tugenden und Untugenden des Gärtnerns in ihren drei literarischen Gartenbüchern. Daraus las Barbara Frischmuth gestern in der Illertisser Staudengärtnerei Gaissmayer.
Tags zuvor war sie auf Einladung der Buchhandlung Mahr im Langenauer Pfleghof zu Gast. Und dort hörte man eine ganz andere Autorin. "Die Kuh, der Bock, seine Geiß und ihr Liebhaber" beschreibt in kurzen Episoden "Tiere im Hausgebrauch". Der Untertitel des kompakten Bandes stimmt in zweifacher Hinsicht nicht. Denn "eigentlich sind es Tiere im Sprachgebrauch", berichtigte die Autorin, zudem brauchten hier nicht Menschen die Tiere, sondern die besten Freunde des Menschen lassen ihn nach ihrer Pfeife tanzen. So wie in der Titelgeschichte die Geiß, die ihren Schäfer umgarnt.
Barbara Frischmuth lässt sich von den tierischen Wortfamilien zu bestialischen Szenerien inspirieren. Das Schwein, das kein Schwein sein will, tritt als Rampensau auf, wahlweise als gesengte Sau oder auch als Schweinehund. Der wiederum ist dick, liegt begraben oder wird zum Höllenhund. Die im besten Sinne abartigen Panoptiken erzählen in kühler Berichtssprache etwa von einem Wollschwein im Bordell, das diejenigen Damen bevorzugt, die sich am ganzen Körper die Borsten rasieren. Ein Kroko-Deal arbeitet als Hoteldirektor und füllt sich an der Tankstelle seine Tränensäcke auf. Im Hühnerstall tritt ein Mann im Hahnentritt-Sakko auf. Aber kein Hahn kräht danach. Barbara Frischmuth entwickelt in kunstvoller Sprache ein Bestiarium mit absurden Neigungen. "Konzentriert wie in einem Knorr-Suppenwürfel", sagt sie selber. Ein bisschen Wasser muss man selber dazu geben.
Und heute Abend wird man um 20 Uhr noch eine andere Seite an der Vielseitigen entdecken können. Im Ulmer Haus der Donau (Kronengasse 4/3) liest Barbara Frischmuth aus ihrem Essayband "Vom Fremdeln und vom Eigentümeln" (2008). Darin sind Reden, Aufsätze und Gedanken der Orientalistin, die auch schon in der Türkei lebte, zum komplexen Verhältnis zwischen Orient und Okzident versammelt. Es geht um das Kopftuch, um das Europäische an Europa, um islamische Frauen und den Reichtum der islamischen Kultur.
Südwest Presse: Samstag, 20.05.2010
Startseite