Bittere Pillen mit Wiener Schmäh
Das war eine rasante Mischung aus Kabarett und Lesung: Der Kabarettist Alfred Dorfer las im Pfleghof Langenau aus seinem Buch "wörtlich".
Als erster Österreicher gewann Alfred Dorfer den Hauptpreis des Bayerischen Kabarettpreises 2009. Im Pfleghof Langenau gab er in einer höchst vergnüglichen Mischung aus Kabarett und Lesung gut sortierte Kostproben aus seinem Erstlingswerk "wörtlich", einer Sammlung aus satirischen Texten, Politkommentaren, philosophischen Glossen und 25 Jahren Bühnen- und TV-Erfahrung.
Die Chemie mit dem Publikum stimmte auf Anhieb. Viele feixten sich eins beim Rundumschlag zur Vetternwirtschaft, Stoiber, Westerwelles Englisch ("die FDP hat eine Heimseite im weltweiten Zwischennetz") oder Bestechung, die "in Bayern zum Brauchtum gehört - wie in Österreich". Ein Warm-Up vor einer Passage aus dem tragikomischen "Indien"-Text, einem Gemeinschaftswerk mit Kollege Josef Hader. Das gefeierte Theaterstück ist als Verfilmung längst Kult.
Als wahrer Vortragskünstler schlüpfte Dorfer bei "Indien" in Mimik, Stimmlage und Sprache in die Rolle zweier Männern in einer Wirtshaus-Szene. Der eine prollig im derb-schmierigem Wiener Dialekt, der andere ein nerviger Biedermann. Trotz Sprachschwierigkeiten, Kostümfest heißt etwa auf Österreichisch "Gschnas", verstanden alle, dass beim Rüssel nicht vom Elefanten die Rede war.
Dorfer gehört nicht zu den Lautsprechern seiner Zunft, sondern zur Elite. Der 48-Jährige passt in keine Schublade. Politisch, philosophisch oder satirisch verquer verabreicht er mit abstruser Logik bittere Pillen - auch über den Tod. Zielsicher schießt er Pointen für Schnelldenker, liest, plaudert, nuschelt, parodiert. Kritisch hinterfragt er die Welt, streut Salz in Wunden, spielt mit Klischees und Vorurteilen über Ösis, Ossis und Wessis, und stellt fest: "Deutschlandlied und DDR-Hymne wurden von Österreichern komponiert: Alles muss man euch machen."
Rasant wie die Themen wechselt er von Gassenjargon und Weaner Schmäh zu elegantem Charme und Zahnpasta-Lachen. Kennt man alles? Zumindest nicht so. Was die 80 begeisterten Zuhörer nach 90-Non-Stopp-Minuten mit nach Hause nahmen - außer Mantel und Jacke? drei Zugaben, neue Einsichten und Lachfalten.
Alfred Dorfer: wörtlich. Heyne Verlag, 304 Seiten, 8.95 Euro.
Südwest Presse: Samstag, 08.05.10
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