Vereine
Turner, um 1926
Die bürgerliche Vereinsbewegung entwickelte sich im Vormärz (1830 bis 1848) zur Massenbewegung. Die Bürger gaben ihre traditionellen Sozialkreise (Dorf, Stadt, Region, Zunft, Konfession) auf und schlossen sich frei nach persönlichen Interessen in Geselligkeits- und Lesevereinen, in Gesang- und Turnvereinen oder in Vereinigungen mit wissenschaftlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Programmen zusammen.
Der Zusammenschluss freier und gleicher Menschen sprengte die Grenzen der alten Gesellschaftsordnung. Die Vereinsstatuten schrieben demokratische Grundsätze fest, wie zum Beispiel die Gleichheit der Mitglieder oder die Mitgliederversammlung als oberstes beschlussfähiges Organ.
Der Verein wurde zu einem Ort der demokratischen Willensbildung und somit zu einem Modell der bürgerlich-demokratischen Gesellschaftsordnung und zu einem Gegenbild der politischen Alltagswelt, die von der Unterdrückung freiheitlicher Bestrebungen geprägt war. Vor allem die Gesangvereine und Turngemeinden wurden zu Trägern der nationalen Einheitsbestrebungen. In der Revolution von 1848/49 spielten die Vereine eine wichtige Rolle im Kampf um den politischen Fortschritt.
In Langenau fasste die bürgerliche Vereinsbewegung erst spät Fuß. Am 14. Juni 1848 gründeten 14 Männer, unter ihnen der spätere Stadtschultheiß Johann Friedrich Haug, eine Turngemeinde. Wie alle Turnvereine sympathisierten auch die Langenauer Turner mit den Zielen der Revolution: nationale Einheit und ein deutsches Parlament, Volksbewaffnung, Presse- und Versammlungsfreiheit. Nach dem Scheitern der Revolution löste sich die Turngemeinde auf und wurde 1861 als Turnverein Langenau (heute TSV Langenau) wieder gegründet.
Obwohl der Gesangverein zum beliebtesten Vereinstyp wurde und sich zahlreiche Gesangvereine im Vormärz im Königreich Württemberg gegründet hatten, erreichte die Sängerbewegung Langenau erst 1858. Bemerkenswert an dem Gründungsjahr ist, dass sich Langenauer Männer, viele von ihnen Liberale und Demokraten aus der Revolutionszeit, zu einem Zeitpunkt im Liederkranz zusammenschlossen, als freiheitliche Bestrebungen wieder unterdrückt wurden.
Der Liederkranz blieb nicht lange Zeit der einzige Gesangverein in Langenau. 1868 fanden sich Männer aus der Oberen Stadt im Gesangverein zusammen und 1884 wurde in der Unteren Stadt der Sängerbund gegründet. Alle drei Vereine bestehen heute noch.
Der Liederkranz im 50. Jahr seines Bestehens, 1908.
Die Arbeiterbewegung entwickelte während des Kaiserreiches (1871-1918) ein ihren Zielen verpflichtetes Vereinswesen. In vielen Städten entstanden beispielsweise Gesang- und Turnvereine und Ortsgruppen der Naturfreunde. In Langenau vereinigten sich Arbeiter und Arbeiterinnen 1921 im Freien Volkschor Liederlust. Bis zu seinem Verbot durch die Nationalsozialisten 1933 trat der Volkschor auf zahlreichen Konzerten, Parteiveranstaltungen und Maifeiern auf.
aus Schmidt, Uwe, "Langenau von den Anfängen bis heute - ein kleiner Führer durch die Geschichte der Stadt", 2003
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