Das Rathaus
Rathaus, 1901
1870/71 wurde das Rathaus nach
den Plänen
Vermutlich unmittelbar nach der Stadtgründung 1302 ließ Graf Rudolf II. von Werdenberg auf dem neu geschaffenen Marktplatz ein Kauf- und Gerichtshaus errichten. Mit wohl keinem anderen Gebäude der jungen Stadt unterstrich der Stadtherr seinen Willen mehr, Langenau nicht nur zu einem politischen, sondern auch wirtschaftlichen Zentrum seiner Herrschaft auszubauen. Noch im 18. Jahrhundert fanden Handwerkerläden in ihm Platz.
Im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts wurde eine Schranne eingerichtet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Getreidemarkt zu einem wichtigen Bestandteil des Langenauer Wirtschaftslebens, obwohl er wegen der starken Konkurrenz der Ulmer Schranne nie über eine lokale Bedeutung hinaus kam. Eine gemeinsame Initiative von Stadtverwaltung, Bauern und Händlern ließ die Langenauer Schranne nach 1870 zu einem der zehn bedeutendsten Getreidemärkte im Königreich Württemberg gedeihen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging allerdings die Umschlagsmenge erheblich zurück; spätestens 1930 wurde der Getreidemarkt im Rathaus aufgegeben. Darüber hinaus war die Schranne bis zum Bau der Turnhalle 1896 oft Schauplatz festlicher Veranstaltungen der Stadt, zum Beispiel anlässlich der Festbankette an den Geburtstagen des Königs oder am 2. September zur Erinnerung an den Sieg bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg 1870.
Das heutige Rathaus war auch der Sitz des Gemeindegerichts, des wichtigsten Verwaltungsorgans der Gemeinde in der Frühen Neuzeit. Es setzte sich aus zwölf auf Lebenszeit gewählten Richtern zusammen, die meist der Dorf-Ehrbarkeit angehörten und großes Ansehen genossen. Es tagte unter dem Vorsitz des ulmischen Oberamtmannes. Bis zum 18. Jahrhundert verlor das Gemeindegericht seine Entscheidungsbefugnis bei Polizeistrafsachen, seine Rechtssprechungsbefugnis bei einfachen Zivilsachen zwischen Gemeindemitgliedern blieb jedoch bestehen. Von den zahlreichen Aufgaben des Gemeindegerichts seien folgende genannt: Aufnahme und Entlassung von Gemeindebürgern, Leistungen für Hilfsbedürftige, Bestimmung und Durchführung der Gemeindefronen, Verwaltung des Gemeindevermögens und Erhebung von Gemeindesteuern.
1775 erwarb die
Gemeinde das Kauf- und Gerichtshaus für 300 Gulden. Im 19. Jahrhundert
wuchsen die Aufgaben der Gemeindeverwaltung, so dass eine Vergrößerung
des Rathauses nötig wurde. Nach den Plänen des Ulmer Stadtbaumeisters
Thrän wurde das Rathaus umgebaut und erhielt u. a. ein polygonales
Treppenhaus an seiner Südseite.
aus Schmidt, Uwe, "Langenau von den Anfängen bis heute - ein kleiner Führer durch die Geschichte der Stadt", 2003
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