Der Pfleghof
Die Ursprünge des Pfleghofs reichen in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts zurück, als unter dem Merowingerkönig Dagobert I. (629-639) zur Sicherung der fränkischen Herrschaft in Alemannien ein Verwaltungshof errichtet wurde.
Pfleghof, um 1935
Nach der Verlegung des Klosters nach Anhausen im Brenztal im beginnenden 12. Jahrhundert übernahm ein von Abt und Konvent eingesetzter Pfleger die Verwaltung des umfangreichen klösterlichen Besitzes in und um Langenau. 1504 gelangte das Kloster und damit auch der Pfleghof in württembergischen Besitz. Herzog Ulrich verpfändete den Hof und Zehnten 1536 für 30 000 Gulden an die Reichsstadt Ulm.
Bis auf eine Unterbrechung vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1618 blieb der Pfleghof verpfändet, ehe ihn das Herzogtum wieder auslöste. Nach dem Übergang Langenaus an das Königreich Württemberg beherbergte der Pfleghof das Kameralamt bis zu dessen Auflösung 1839. 1856 gelangte der Pfleghof schließlich in private Hände.
Der Pfleghof spielte in der Wirtschaftsgeschichte Langenaus eine wichtige Rolle. Denn dort begann zu Beginn der 1860er-Jahre der Weg der Stadt in das Industriezeitalter, als der Fabrikant Bestelmeyer eine Stärkefabrik einrichtete. Sein in der Kattundruckerei verwendetes Produkt Dextrin (gebrannte Stärke) besaß eine ausgezeichnete Qualität, die auf internationalen Märkten Bestand hatte und in Deutschland französische Produkte verdrängte. Trotz der überaus erfolgreichen Geschäftsentwicklung scheiterte das Unternehmen vermutlich wegen zu geringer Kapitaldecke während der Gründerkrise 1874.
Das nächste Kapitel in der Geschichte des Pfleghofs schrieb die Lederwarenfabrik Braunwarth. Zunächst ein Gemeinschaftsunternehmen der beiden Gerber Johannes Eck aus Ulm und David Braunwarth aus Langenau, übernahm letzterer die Gerberei 1882 und führte sie zu einem erfolg- und traditionsreichen Unternehmen. Ende der 1970er-Jahre zog die Lederwarenfabrik in das Gewerbegebiet „Lindeschen“ um. An Stelle der Fabrikanlage wurde eine moderne Stadthalle errichtet.
Kultur im Pfleghof: Peter Härtling liest.
Heute bildet der Pfleghof das kulturelle Zentrum der Stadt. Im ehemaligen Wohngebäude sind die vor- und frühgeschichtlichen Sammlungen des Heimatmuseums, die Ungarndeutschen Heimatstuben sowie das Stadtarchiv untergebracht. Im Torbau, dessen älteste erhaltene Teile aus den Jahren am Ende 16. Jahrhunderts stammen, hat die Stadtbibliothek ihren Platz gefunden. Kulturelle Veranstaltungen finden in dem ehemaligen, im 18. Jahrhundert erbauten Stadel statt.
Zum Pfleghof gehört das so genannte Freihäuslein. Kaiser Friedrich III. bestätigte 1443 das noch aus der Klosterzeit stammende Asylrecht im Pfleghof. Es gewährte einen vorläufigen Schutz vor dem Zugriff der weltlichen Gerichtsbarkeit. Erst wenn ein gerechtes Verfahren zugesichert war, wurden die Flüchtigen ausgeliefert. Oft führte dieses Asylrecht zu Konflikten zwischen Ulm und Württemberg.
aus Schmidt, Uwe, "Langenau von den Anfängen bis heute - ein kleiner Führer durch die Geschichte der Stadt", 2003
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