Die Kirche in der Stadt
Die Christianisierung des alemannischen Herrschaftsgebietes setzte nach der Niederlage der Alemannen gegen die Franken bei Zülpich 496 ein. Im Zuge der herrschaftlichen Durchdringung wurden Kirchen gegründet und eine Kirchenorganisation aufgebaut, die unter König Dagobert I. (629-639) eine neue Gestalt gewann. Wohl in dieser Zeit wurde zeitgleich mit dem Verwaltungshof (heute Pfleghof) in den Ruinen des gallo-römischen Umgangstempels eine erste Kirche errichtet, die vermutlich im 8. Jahrhundert das Martinspatrozinium erhielt.
Die Gründung des Benediktinerklosters um 1095 durch Pfalzgraf Manegold den Älteren setzte ein markantes Zeichen in der Kirchengeschichte von Langenau. Das Kloster wurde mit großem Grundbesitz ausgestattet und zum größten Grundbesitzer Langenaus. Doch der aufstrebende und lärmige Marktflecken, der zahlreiche Handwerker anzog, verhinderte ein Klosterleben in Stille und Zurückgezogenheit. Schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts zogen Abt und Konvent nach Anhausen im Brenztal.
St. Martin und Pfarrhaus, um 1925
Die Martinskirche oder Obere Kirche wird 1149 erstmals urkundlich erwähnt. Um 1450 erhält der Kirchhof einen Mauerring mit drei Tor- und zwei Wehrtürmern zum Schutz der Bevölkerung in Kriegszeiten.
Im November 1530 entschied sich die überwältigende Mehrheit der Bürger für die Einführung der Reformation – über die Köpfe der Landuntertanen hinweg, die es nicht Wert waren, gefragt zu werden. Die Reformatoren Martin Bucer, Johannes Oekolampad und Ambrosius Blarer entwarfen im Auftrag des Rates eine neue Kirchenordnung, die am 6. August 1531 in Kraft trat, nachdem sich fast alle 67 Landpfarrer der neuen Lehre angeschlossen hatten.
Erster reformierter Pfarrer in Langenau wurde Philipp Neidlinger, führender Kopf der Reformation und überzeugter Zwinglianer, weswegen nicht wenige Langenauer noch um 1700 der zwinglischen Glaubensrichtung angehörten, obwohl sich die Reichsstadt bald nach der Einführung der lutherischen Lehre angeschlossen hatte und Abendmahlsverweigerungen mit Strafen ahndete.
Mit dem Übergang der Reichsstadt Ulm an Bayern (1802) bzw. Württemberg (1810) endete zugleich die reichsstädtische Kirchenherrschaft. Der württembergische Staat mit dem König als „summus episcopus“ (obersten Kirchenherrn) an seiner Spitze bestimmte nun das kirchliche Leben bis in die kleinste Einzelheit: Bestellung, Besoldung und Beförderung der Geistlichen oder Zeitpunkt und Länge des Gottesdienstes. Selbstverständlich wurde für den König im Gottesdienst gebetet.
Ev. Jugendverein, 1924
Auch in Langenau entstehen kirchliche Vereine, so der Ev. Arbeiterverein (1908) und die Ortsgruppe des Ev. Jugendbundes, die im Jahr 1921 gegründet wird.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts strebte die evangelische Landeskirche nach mehr organisatorischer Unabhängigkeit vom Staat. Die Einführung der Kirchengemeinderäte 1851 und der Landessynode 1867 wie auch die 1887 in die Verwaltung der Kirche zurückgegebenen Kirchengüter verschafften mehr Eigenständigkeit.
Auch das Gemeindeleben gewann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Lebendigkeit mit der Gründung von Vereinen, z. B. von Ortsgruppen des Ev. Arbeitervereins oder des Ev. Jugendbundes sowie eines Kirchenchores.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die konfessionelle Zusammensetzung der Langenauer Bevölkerung durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen. Für die 900 katholischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wurde 1950 in der Lutherstraße die Marienkirche errichtet. Diese Kirche diente eher als ein Notbehelf 1968. In diesem Jahr wurde der der „schmerzhaften Mutter Gottes unter dem Kreuz“ geweihte Kircheneubau der Kirchengemeinde übergeben.
aus Schmidt, Uwe, "Langenau von den Anfängen bis heute - ein kleiner Führer durch die Geschichte der Stadt", 2003
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